Der Bürgerbus macht mobil

SERIE Bürger ohne Auto in Regionen mit schlechter Verkehrsanbindung sind auf Hilfe angewiesen

Mit dem Runkeler Bus'che zum Metzger: Werner Schmidt (v.l.), Else Hölzmann und Eberhard Walter. (Foto: Schindler)

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Am Steuer sitzt am Freitagmorgen Eberhard Walter. Auf dem Programm steht der Einkauf bei Bäcker und Metzger. Die Rufe nach einem Bürgerbus werden vor allem in ländlich gelegenen Städten und Gemeinden mit schlechten Busverbindungen immer lauter. Die Stadt Runkel im Landkreis Limburg-Weilburg und die Gemeinde Lahnau im Lahn-Dill-Kreis gehören zu den wenigen Gemeinden in Mittelhessen, in denen ein Bürgerbus unterwegs ist. Die Gemeinden Gladenbach, Bischoffen und Biedenkopf denken derzeit über Konzepte nach.

Nach nur wenigen Minuten an Bord des Runkeler Bus'chens wird klar: Es ist mehr als Mobilität. Mit Fahrer Walter wird das Auto zu einem Ort der Begegnungen und Walter hat für jeden Fahrgast ein gutes Wort übrig. Die Hilfe beim Einsteigen ist für Walter Ehrensache. Der 90-Jährige Werner Schmidt hat durch eine Kriegsverletzung eine Beinprothese. Mit nur wenigen Handgriffen hat Walter ihn sicher in den Sitz gehievt. Da kommt auch schon Else Hölzmann (90), Schmidts Nachbarin, und nimmt Platz im Auto. Das erste Ziel der drei ist eine kleine Metzgerei im benachbarten Arfurt.

Die Hilfe beim Einsteigen ist für Walter Ehrensache

Die Konzepte der Bürgerbusse sind an die jeweiligen Gegebenheiten der Kommune angepasst. Zwischen den einzelnen Orten der 9600 Einwohner großen Stadt Runkel liegen teilweise mehr als zehn Kilometer. Gerade für die Bewohner der kleineren Stadtteile ist es ohne Auto schwierig, alltägliche Dinge wie Einkaufen oder Arztbesuche zu erledigen. Zwischen 20 und 30 Fahrgäste nutzen daher wöchentlich das Bus'chen - überwiegend Senioren. Über die Stadt wird vor der Fahrt ein Termin ausgemacht und die Fahrgäste werden zu Hause abgeholt. Die Fahrkosten sind abhängig von der Fahrtstrecke.

Die drei Ortsteile der 8200 Einwohner großen Gemeinde Lahnau liegen dagegen eng beieinander, so dass der Bürgerbus an zwei Tagen in der Woche 42 feste Haltestellen anfährt. Diese sind so verteilt, dass naheliegende Läden, Friseure und Ärzte fußläufig zu erreichen sind. Die Nutzung des Bürgermobils ist kostenlos. Im Schnitt nutzen 60 bis 80 Lahnauer den Bus, sagte Brigitte Sauter-Hill vom Verein "Bürger Mobil", der das Projekt ins Leben gerufen hat. Die Fahrgäste seien überwiegend Senioren, aber auch Kinder, die Gemeindebücherei und Schwimmbad besuchen.

Zurück ins Runkeler Bus'chen: Auf der Fahrt zum Arfurter Metzger unterhalten sich Werner Schmidt, Eberhard Walter und Else Hölzmann über die blühenden Rapsfelder und die bevorstehende Tomatenernte. Im Autoradio dudeln Schlager vor sich hin. Schmidt erzählt, dass er Erbsensuppe kochen will und sich auf ein gutes Stück Fleisch als Einlage freut.

Das Runkeler Bus'chen gibt es bereits seit acht Jahren. Es startete als Fahrdienst für Schul- und Kindergartenkinder, die einen langen Weg haben. Im Jahr 2008 wurde der Fahrdienst für Erwachsenen ins Leben gerufen.

Margret Stefan nutzt das Bus'chen am Freitagmorgen zum ersten Mal. Die 74-Jährige will zum Arzt nach Limburg. Sie hat kein Auto und ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. "Heute habe ich zwei Arzttermine hintereinander. Mit dem Zug dauert es zu lange", sagt Margret Stefan. Vor zwei Tagen hat sie einen Termin für eine Fahrt mit dem Bürgerbus vereinbart. "Es ist schon ein Vorteil, dass es so etwas gibt."

Während die Gemeinde Lahnau auf das ehrenamtliche Engagement der Bürger setzt und die zwölf Fahrer ohne Vergütung unterwegs sind, hat die Stadt Runkel für den Bürgerbus sieben Fahrer auf Mini-Job-Basis eingestellt. Die vier Fahrzeuge gehören der Stadt und diese kommt für alle anfallenden Kosten wie Versicherung, Wartung, Leasingraten und Reparatur auf. Jährlich kostet das Bus'chen und die Gehälter der Fahrer 54 000 Euro. In Lahnau stellt die Gemeinde jährlich 4500 Euro zur Verfügung. Das Fahrzeug selbst leiht der Verein vom Seniorenheim.

- Lesen Sie in unserer Serie "Mobilität - was uns bewegt" am kommenden Dienstag, 9. Juni, wie fit ein Fitnessarmband wirklich macht.


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