"Die Besucher wollen das Platt hören"

Dialekt und Fremdenverkehr gehören für Erich Schneider aus Holzhausen einfach zusammen

Erich Schneider aus Holzhausen schreibt und arbeitet für den Fremdenverkehr im Ort. (Foto: Koelschtzky)

Wenn der 73-jährige ehemalige Ortsvorsteher seine Werke auf dem Wohnzimmertisch ausbreitet, ist der fast zu klein: Unzählige Flyer, Broschüren, Darstellungen für seinen Geburts- und Heimatort Holzhausen am Hünstein hat er verfasst aber auch Gedichte und Geschichten auf Platt, die immer wieder gerne gehört, gelesen und verschenkt werden.

Das heimische Platt ist für ihn automatische Sprache. "Mer schwätze daheem Platt", sagt er. Mit den beiden erwachsenen Söhnen allerdings nicht, räumt er ein, "außer wenn gescholle werd". Denn das galt damals, als die beiden noch Schüler waren, als hinderlich für das Fortkommen.

Im Landratsamt, wo er berufstätig war, habe er nur am Telefon mit seiner Frau Brigitte, ebenfalls gebürtige Holzhäuserin, Platt gesprochen. Aber einmal habe das eine Kollegin gehört und dann gesagt "Ei Erich, du kannst ja Platt schwätzen", und dann hätten sie auch im Amt miteinander Platt gesprochen.

Schriftsteller auf Platt wollte Schneider schon lange werden, 1998 kam der entscheidende Anstoß durch die Wochenzeitschrift "Biedenkopfer Bote", die ein Arbeitskollege mitbrachte. Dort gab es immer wieder kleine Gedichte auf Platt vom damaligen Mohr Earl Kolbe und Schneider dachte sich "Das kann ich auch". So entstanden die ersten Gedichtzeilen in der Vorbereitungszeit der 750-Jahr-Feier des Ortes. Schneider, der von 1997 bis 2009 Ortsvorsteher in Holzhausen war, hat am Dorfbuch selbstverständlich sehr aktiv mitgearbeitet, und schon 1998 erschien sein "Gedicht ewwer Holzhause en Platt", das bald zum beliebten Geschenk im Ort wurde und auch bei runden Geburtstagen und anderen Feiern immer noch gerne vorgetragen wird.

Warum die Holzhäuser im Hinterland "De Vujelcher" genannt werden

Schneider hat es auch dekorativ auf Holz gezogen, so dass es als Geschenk gerne genommen wird. Im Dorfbuch steht es natürlich auch drin.

Da wird auf Platt die Geschichte des Ortes dargestellt und es heißt unter anderem über die urkundliche Ersterwähnung im Zuge einer Schenkung durch "Conradus vo Holzhause":

"En weil eh wollt em

Himmel sei no em Sterve,

dure Holzhause vor dem Steicheberg dem Deutsche Ritterorden vererwe. (...)

Mett 35 Dinaren wore mett bei dr Sache, Holzhause

wor fott, swor nix meh ze mache."

Auch im Radio hat er in der HR4-Sendung "Perlen der Mundart" das Gedicht vorgetragen.

Weiter ging es 2010 mit einem kleinen Büchlein "Gehott en geseh hutt's each dr Hinnsteh", in dem er 28 teils fiktive Geschichten und Anekdoten auf Platt veröffentlichte, außerdem Erinnerungen an die 750-Jahr-Feier. Ganz nebenbei erwähnt Schneider, dass er im Zuge seiner Veröffentlichungen auch die digitale Bildbearbeitung und das Setzen von Druckseiten am Computer gelernt hat. Verlegt hat er sein Büchlein dann auch alleine, aber die Gemeinde Dautphetal habe ihn unterstützt, betont er.

Die weiteren Veröffentlichungen "haben sich so entwickelt", erzählt Schneider. Vor allem die Förderung des Tourismus in Holzhausen ließ ihn immer wieder zur Feder greifen. So veröffentlichte er 2013 einen Flyer und drei Broschüren zur Werbung für den staatlich anerkannten Erholungsort Holzhausen.

Die erste stellt den Ort mit allen Einrichtungen und vielen schönen Fotos vor, in der zweiten geht es um die Geschichte Holzhausens - um die Geschichte der Arbeit im Ort. Von Feldarbeit und Erzabbau, Diabas-Ausbeutung und Wanderarbeit ins Siegerland ist da die Rede.

Und so nebenbei bekommt man auch noch erklärt, warum die Holzhäuser im Hinterland "De Vuejelcher" genannt werden. Das kommt vom Nebenerwerb der Holzhäuser Frauen, die erst von Hand und später mit Strickmaschinen aus der selbst gesponnenen Schafswolle Strümpfe strickten. Für den Verkauf zogen die Männer im Herbst, wenn die Feldarbeit getan war, als "Strompmänner" nach Südhessen und zu den Winzern nach Rheinland-Pfalz. Und wie die Vögel kamen sie im Frühjahr wieder, wenn alle Ware verkauft war."

Die dritte Broschüre widmet sich dem Kratzputz in Holzhausen und damit der neuen Einnahmequelle der Holzhäuser, dem Fremdenverkehr.

Nachdem 1935 das Waldschwimmbad als "Brand- und Badeweiher" eingeweiht worden war, kamen schon 1936 200 Feriengäste nach Holzhausen. Einen Höhepunkt erlebte der Ort in den 1960er Jahren, wo es 14000 Übernachtungen im Ort gab, berichtet Schneider.

Dem Waldschwimmbad ist eine weitere Broschüre des rührigen Autors gewidmet.

Aber auch seine Geschichten gehen weiter: Erneut auf Platt erschien kürzlich "Holzhausen am Hünstein. Su geschriwwe, wej merr schwätze". Da sind auch viele Platt-Gespräche von der Dialekt-CD aufgezeichnet, die der Verein "Dialekt im Hinterland" aufnehmen hat lassen.

Der Dialekt sei keineswegs hinderlich für den Tourismus, betont Schneider. Wenn er Führungen macht oder Vorträge hält, fragt er vorher, ob die Gäste die Informationen auf Hochdeutsch oder auf Platt hören wollen. "Und sie sagen immer, sie wollen das Platt hören. Das kommt gut an."


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