Die Lüge vom Treppensturz

PRO POLIZEI Frühwarnsystem "RISKID" will Kinder besser schützen

Experten gehen von jährlich rund 7000 Fällen körperlicher und sexueller Gewalt an Kindern in Hessen aus. (Archivfoto: Colourbox)

Pro-Polizei-Vorsitzender Hans-Jürgen Irmer (von links) begrüßt die Initiatoren von RISKID aus Duisburg, Heinz Sprenger und Dr. Ralf Kownatzki. Rechts: Pro-Polizei-Geschäftsführer Matthias Hundertmark. (Foto: Volkmar)

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Zusammen mit dem Kinder- und Jugendarzt Dr. Ralf Kownatzki (Duisburg) stellte der Polizeibeamte das deutschlandweit einzigartige ärztliche Frühwarnsystem RISKID vor, das Kinder besser schützen soll. Dabei berichteten die beiden Gründer über die Anfänge der Duisburger Institution im Jahr 2005. Die Duisburger Kriminalpolizei musste innerhalb kurzer Zeit wegen fünf getöteter Kinder ermitteln. "Wir waren immer als Erste am Tatort, aber zu spät, um die Opfer zu retten." So erklärte Spengler die oft erfahrene Hilflosigkeit gegenüber den unschuldigen Kindern. Die Erkenntnisse sollten einfach früher ansetzen, um erfolgreich zu sein. In Kooperation mit den Kinderärzten ist dann das Duisburger Pilotprojekt RISKID entstanden. Der Begriff steht für RISikoKinder-Informa-tionssystemDeutschland. Das System dient der rechtzeitigen Erfassung der Daten von Kindern, deren Symptome den Verdacht auf körperliche oder sexuelle Misshandlung lenken. Zu diesem verschlüsselten Datenpool haben nur registrierte Kinderärzte Zugang. Damit sind Auflagen des Datenschutzes erfüllt. Spengler bezeichnete die interdisziplinäre Zusammenarbeit in puncto Kinder und Jugendschutz als einen Flickenteppich. Viele der deutschlandweit über 600 Jugendämter seien personell unterbesetzt. Sie müssten bis zu 60 Fälle gleichzeitig behandeln. Oft fehle ihnen der Blick für eine mögliche Kindesmisshandlung, die in allen sozialen Milieus vorkomme. Der Kinderschutz steht in Deutschland auf schwachen Füßen, das gelte sowohl für die Personalausstattung als auch den Informationsaustausch zwischen den staatlichen Stellen. Und jeder berufe sich dabei auf den Datenschutz.

Der Schutz der Kinder darf weder am Geld noch am Datenschutz scheitern

"Wenn es darum geht, die Gewalt an den Schwächsten unserer Gesellschaft erfolgreich zu bekämpfen, dürfen weder die fehlenden "Haushaltsmittel" noch der Datenschutz ein Hindernis sein", so der Vorwurf des Referenten an die Politik. Dank der engen Kooperation zwischen Staatsanwaltschaft, Kriminalpolizei und den Kinderärzten konnte nach Angaben von Sprenger in Duisburg eine deutliche Verbesserung der Situation erreicht werden. "Wir hatten in den letzten Jahren keinen Todesfall durch häusliche Gewalt und konnten über 300 häusliche Übergriffe aufdecken." Als abschreckende Beispiele zeigte der Kriminalbeamte auf der Leinwand die durch elterliche Gewalt verletzten Kinder. "Mein Kind ist über die Treppe gestürzt." Oder: "Die blauen Flecken hat sich Sofie im Kindergarten geholt." So lauten Ausreden der Mütter, wenn sie in die Kinderarztpraxis zur Untersuchung kommen. Das berichtet der Kinderarzt Ralf Kownatzki.

Es sei tatsächlich oft schwer zu diagnostizieren, ob die Hämatome durch einen Unfall oder durch elterliche Gewalt entstanden sind. Und wer will den Eltern schon sagen "sie misshandeln ihre Kinder". So bei dem dreieinhalb Monate alten Lukas. Er hatte Verletzungen im Gesicht und eine Rippenfraktur. Dazu sagte die Mutter: "Mein Kind schlägt sich immer mit der Milchflasche." In Zusammenarbeit mit der Rechtsmedizin und der Justiz konnte dieser Fall geklärt werden. Viele Eltern, die ihre Kinder misshandeln, versuchen oft, sich durch "Ärztehopping" der Kontrolle zu entziehen. Dank der Duisburger Datenbank wurde der Informationsaustausch zwischen den Ärzten verbessert, Misshandlungen konnten so früher entdeckt werden.

In der Zwischenzeit ist RISKID auch bei anderen Ländern im Gespräch. Das Bundesfamilienministerium zeigt Interesse. Auch in Hessen gehen die Experten von jährlich rund 7000 Fällen körperlicher und sexueller Gewalt an Kindern aus, von denen ein Bruchteil nur entdeckt wird.

Eingangs der Infoveranstaltung hatte der Vorsitzende von Pro Polizei Wetzlar, Hans Jürgen Irmer, die Besucher begrüßt, unter ihnen Mitarbeiter des Jugendamtes und sozialer Einrichtungen.


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