Die kranke Seele muss warten

... aber mehr als 51 Psychotherapeuten werden im Lahn-Dill-Kreis nicht zugelassen
Dr. Sascha Wenzel
Dr. Sascha Wenzel
Dr. Walter Osborn
Dr. Walter Osborn
Bild 1 von 4

Der Dillenburger Psychotherapeut Gerd Fessler bestätigt die Situation: "Ich habe zwischen 25 und 30 Patienten in der Woche, aber noch sehr, sehr viele Anfragen, denen ich nicht allen nachkommen kann. Offensichtlich gibt es nicht genug Therapeuten." Deshalb sind auch bei ihm die Wartezeiten für den ersten Behandlungstermin "sechs Monate, eher länger".

"Sie haben einen Partner verloren oder den Job und brauchen sofort Hilfe"

Anzeige

Und die Patienten sind dann frustriert. Dr. Walter Osborn, Psychotherapeut in Herborn, berichtet: "Sie haben vielleicht einen Partner verloren oder den Arbeitsplatz und brauchen sofort Hilfe. Dann rufen sie nach und nach alle Therapeuten an und landen immer wieder auf dem Anrufbeantworter oder werden vertröstet. Sie mühen sich, fühlen sich aber alleingelassen und sind schließlich verunsichert." Eine Patientengruppe werde im Regen stehengelassen.

Eine Studie der Bundes-Psychotherapeutenkammer aus dem vergangenen Jahr liefert genaue Zahlen und einen Vergleich der Landkreise. Die Umfrage bei den Praxen zeigt: Mit durchschnittlich 30 Wochen Wartezeit muss ein Patient im Lahn-Dill-Kreis bis zum Beginn einer Psychotherapie rechnen. 20 Wochen, also rund fünf Monate, dauert es bereits für ein Erstgespräch.

Nur in zwei hessischen Landkreisen ist die Situation noch schlechter: Main-Kinzig und Odenwald. Am kürzesten sind die Wartezeiten in der Stadt Kassel: 16,8 Wochen - also selbst dort noch rund vier Monate.

Ein Fazit der Studie: "Speziell in sehr schlecht versorgten Regionen nimmt die Nachfrage nach Psychotherapie ab, weil die Patienten resignieren und gar nicht erst versuchen, sich um einen Platz zu bemühen (dadurch sinken die Wartezeiten)."

Der Geschäftsführer der hessischen Psychotherapeutenkammer, Johann Rautschka-Rücker, sagt: "Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist noch schlechter und mit noch längeren Wartezeiten verbunden." Und in diesem Alter bestehe die Gefahr, dass sich psychische Krankheiten verschlimmerten. Im gesamten Lahn-Dill-Kreis gibt es 16 Therapeuten speziell für diese Altersgruppe.

Dennoch spricht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen von einer "statistischen Überversorgung" an Psychotherapeuten im Lahn-Dill-Kreis. Mehr als die vorhandenen 51 Praxen werden deshalb nicht genehmigt. "Neue Therapeuten werden nur zugelassen, wenn sie eine Praxis übernehmen", sagt KV-Sprecherin Petra Bendrich. Genauso ist das auch bei den Haus- und Fachärzten geregelt.

Ein Beispiel: Vor einem halben Jahr hat Gerd Fessler eine Praxis in Dillenburg übernommen. Sein Vorgänger gab die Praxis aus Altersgründen auf, sie wurde von der KV Hessen ausgeschrieben, Fessler bewarb sich bei und hatte Glück. Er wurde zugelassen. Er hat jetzt einen der 51 Psychotherapeuten-Sitze im Lahn-Dill-Kreis.

Grundlage für diese Zahl ist eine Bedarfsplanung aus dem Jahr 2010. Aus Flächen, Einwohnerzahl und Altersstruktur werde der Bedarf an Psychotherapeuten für eine Region berechnet, sagt KV-Sprecherin Bendrich. Es sei eine rein statistische Berechnung. Patientenzahlen oder Wartezeiten würden nicht berücksichtigt. Zweimal im Jahr treffe sich ein so genannter Länderausschuss mit Vertretern der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigung und prüfe, ob diese Bedarfszahlen noch aktuell sind. Und nach der Berechnung aus dem Jahr 2010 gebe es im Lahn-Dill-Kreis eine Überversorgung. Laut Bundesregierung liegt hier der Versorgungsgrad bei 168 Prozent.

Allerdings soll Ende des Jahres ein neues Gesetz in Kraft treten. Es trägt den sperrigen Namen "Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung". Die Kassenärztliche Vereinigung erwartet damit eine Verbesserung, weil auch demografische Daten, Krankheiten und Patientenwanderung bei der Bedarfsplanung berücksichtigt werden sollen.

"300 bis 400 Therapeuten warten in Hessen auf eine Zulassung"

Die hessische Psychotherapeutenkammer teilt diese Einschätzung nicht. Das Gesetz habe hohe Erwartungen geweckt, dass "der dramatischen Unterversorgung entgegengewirkt werden könnte. Diese Hoffnung scheint zerschlagen." Die Kammer befürchtet sogar, dass weitere Therapeuten-Plätze wegfallen könnten.

"Es fehlen Psychotherapeuten", stellt Kammer-Geschäftsführer Johann Rautschka-Rücker fest. Andererseits gebe es ausgebildete Psychotherapeuten, die eine Praxis eröffnen wollten, aber nicht könnten, weil sie keine Zulassung erhielten und so nicht mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürften. Rautschka-Rücker schätzt ihre Zahl in Hessen auf 300 bis 400. Sie hätten ein abgeschlossenes Psychologie-Studium und eine mindestens dreijährige Therapeuten-Ausbildung hinter sich. Ein Teil von ihnen behandle nun ausschließlich Privatpatienten und Selbstzahler.

Warum wird die Gründung von Therapeuten-Praxen nicht freigegeben? "Weil man Angst hat, dass die Kosten für die Krankenkassen steigen, wenn alle Patienten einen Behandlungsplatz finden", sagt Rautschka-Rücker.

Rund 160 Millionen Euro haben die gesetzlichen Krankenversicherungen im vergangenen Jahr für die Leistungen der insgesamt 2479 hessischen Therapeuten gezahlt. Das geht aus der Antwort des hessischen Sozialministers Stefan Grüttner (CDU) auf eine Anfrage des Marburger SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Spies hervor. Geht man von einem Honorar von rund zirka 80 Euro pro Stunde aus, leistet jeder Therapeut im Jahr 809 Stunden. Und laut KV betreut jede hessische Praxis im Jahr rund 200 Patienten (plus Folgetermine).

Und was bleibt den Patienten, die in der Warteschleife hängen? Dr. Sascha Wenzel, der stellvertretende Leiter der Herborner Psychiatrie, sagt: Nach drei Absagen können sie Rücksprache mit der Krankenkasse halten, ob sie die Kosten für eine Behandlung bei einem Therapeuten übernimmt, der von der Kassenärztlichen Vereinigung noch keine Zulassung hat. Oder: Der Patient zahle die Therapie privat.


Jetzt kostenlosen Probemonat sichern und unbegrenzt auf mittelhessen.de und in der News-App lesen!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2012
Kommentare (0)
Mehr aus nGen unzugeordnet