Distanz und Sehnsucht

THEATERRING 800 Zuschauer bei "Alle sieben Wellen" in der Stadthalle

Ralf Bauer und Ann-Cathrin Sudhoff brillieren in dem Stück "Alle sieben Wellen" und locken 800 Besucher in die Wetzlarer Stadthalle. (Foto: Glinke)

Eingeladen hatte der Theaterring Wetzlar, der - auch dank der Popularität der beiden Hauptdarsteller und Ralf Bauers Ruf als Frauenschwarm - mit 800 Gästen wieder ausverkauftes Haus vermelden konnte.

Die Geschichte setzt da an, wo "Gut gegen Nordwind" endete - damals ohne das von den Zuschauern herbeigesehnte Happy End.

Neuneinhalb Monate sind vergangen, seit Leo Leike (Bauer) nach Boston gegangen ist und "seine" Mailfreundin Emmi Rothner (Sudhoff) zurückgelassen hat, nachdem ihr Mann Bernhard dem "Verhältnis" der beiden auf die Schliche gekommen war und Leo unter Druck gesetzt hatte. Einem Verhältnis, das "nur" aus einer E-Mail-Brieffreundschaft bestand, aus der die beiden Protagonisten heraus sich lieben lernten, ohne sich ein einziges Mal gesehen zu haben.

Als Leo aus Boston zurückkehrt, findet er in seinem Postfach zahlreiche Nachrichten von Emmi - und antwortet.

Was er damit lostritt, bringen die beiden Schauspieler in rund zwei Stunden verbalem Schlagabtausch und mit viel Gespür für die aberwitzigen Dialoge aus Glattauers modernem Briefroman in einer Bühnenfassung von Ulrike Zemme unter der bewährten Regie von Wolfgang Kaus auf die Bühne. Das Bühnenbild von Thomas Pekny ist mit dem aus "Gut gegen Nordwind" nahezu identisch. Umrahmt von einem metallenen Gestänge mit weißen Gardinen wirkt es wie eine symbolische Abgrenzung zwischen der realen, der "Offline"-Welt, und Emmis und Leos "Online-Welt".

Mal verliebt-zärtlich, mal kritisch, dann eifersüchtig, dann wieder verzweifelt

Die Zimmer der beiden Protagonisten liegen auf der Bühne direkt nebeneinander, die Betten stehen Kopf an Kopf.

Und dennoch nimmt man Bauer und Sudhoff die Distanz und die Sehnsucht nacheinander ab, wenn sie - jeder in seiner Bühnenhälfte - die aus zahlreichen Monologen bestehenden Dialoge spielen und sich einen rasanten Schlagabtausch liefern, der eher einem Live-Chat als einem Maildialog ähnelt.

2006 entstand "Gut gegen Nordwind" - heute würde die Kommunikation zwischen Rothner und Leike wohl per Facebook oder WhatsApp ausgetragen. Emmi Rothner ist es, die schließlich fordert: Wir müssen uns treffen, "ich muss Dich ein einziges Mal in diesem Leben gesehen haben". Und so treffen sich Leo und Emmi im Café, einmal, zweimal, dreimal. Dazwischen: Maildialoge, mal verliebt-zärtlich, mal kritisch, dann eifersüchtig, dann wieder verzweifelt.

Die "Beziehung" bekommt einen Riss, als Leo einräumt, nach Boston gegangen zu sein, weil Emmis Mann Bernhard hinter die Liebelei gekommen sei und ihn gebeten habe, sich einmal mit Emmi zu treffen und mit ihr zu schlafen, um ihre Illusion von sich zu zerschlagen. Es kommt, wie es kommen muss: Emmi fühlt sich hintergangen, besucht Leo zu Hause, es kommt zum Sex. Danach fühlen sich beide noch schlechter und einsamer als zuvor.

Bis Emmi sich von ihrem Mann trennt und im Urlaub auf La Gomera von der Geschichte der sieben Wellen erfährt. Jede siebte Welle, so heißt es, breche aus dem monotonen Ablauf aus und forme alles neu. Doch Leo und Emmi brauchen zahlreiche siebte Wellen, bis sie am Ende endlich zueinanderfinden.

Den Schauspielern gelingt es, jene Wellen auch die Zuschauer - übrigens vornehmlich weiblich - spüren zu lassen. Das Auf und Ab ihrer Beziehung, die Gratwanderung zwischen Wut, Verzweiflung und der immer wieder revidierten Entscheidung, nichts mehr miteinander zu tun haben zu wollen, kommt glaubhaft rüber. Die oft schnell wechselnden Dialoge verlangen dabei den Schauspielern einiges ab. Bauer spielt den Leo Leike, einen verkopften, aber gefühlvollen Kommunikationsberater, immer mit der nötigen Mischung aus Distanziertheit und gnadenloser Ehrlichkeit. Es dauert, bis er sich eingestehen kann, was er für Emmi empfindet.

Ann-Cathrin Sudhoff gibt mit Emmi Rothner die starke, aber dennoch verletzliche Frau, die zu einem frühen Zeitpunkt der Geschichte weiß, was sie will: Leo, und zwar mit Haut und Haaren.

"Alle sieben Wellen" zeigt wie auch "Gut gegen Nordwind", wie stark Menschen, die erst einmal einen "Berührungspunkt" gefunden haben, miteinander verbunden sind. Gerade dieser "Berührungspunkt" spielt im Stück eine tragende und sehr bildliche Rolle. Ein kurzweiliges Stück, dem es gelingt, zu berühren, ohne allzu kitschig und klischeebeladen zu sein.

Am Freitag, 27. Februar, erwartet der Theaterring erneut TV-Prominenz: Dann ist Michaela Schaffrath in der Krimiinszenierung "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" zu erleben.


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