Edelstahl baut 75 Stellen ab

WIRTSCHAFT Kosten sparen im Preiskrieg / Transfergesellschaft

Buderus Edelstahl, längst hundertprozentige Tochter des österreichischen Voest-alpine-Konzerns, hat weiß Gott bessere Tage gesehen. Im Vergleich zu den übrigen Mitstreitern im Verband der Saarhütten stehe das 1650-Mann-Unternehmen aber "noch relativ stabil" da, sagt Rüdiger Hahn. Als Personalleiter war er mit Geschäftsführer Roland Nebe Verhandlungsführer für die Arbeitgeberseite bei der Ausarbeitung von Sozialplan und Transfergesellschaft. Hahn: "Unser Problem ist nicht, dass wir zu wenig zu tun hätten, sondern die starke Konkurrenz aus Osteuropa und Asien. Unsere Auftragslage ist relativ gut, aber wir schaffen es nicht, eine einigermaßen stabile Gewinnsituation hinzukriegen." Buderus sei "zu teuer" in seiner Kostenstruktur, meint Hahn.

Das soll sich nun ändern. Sicherlich nicht zuletzt will die Konzernmutter in Linz passable Ergebnisse sehen. Ein Kostensenkungsprogramm wurde für Buderus aufgelegt. Darin steht neben Punkten wie Energieeinsparung der Personalabbau. Maximal 75 Stellen sollen bis zum Frühjahr 2015 gestrichen werden. Doch am Ende werden streng genommen wohl 110 bis 120 Menschen weniger im Werk arbeiten, räumt Hahn ein. Das liege an Leiharbeitskräften, von denen man sich als Erstes getrennt habe. Betroffen sind nach Auskunft des Personaleiters alle Unternehmensbereiche - von Verwaltung bis Produktion. In der Produktion vor allem jene Abteilungen, in denen Schichtmodelle um- und Abläufe effektiver gestaltet werden sollen.

Bereits im Frühjahr sei der Betriebsrat in die Pläne eingeweiht worden, berichtet Hahn. Freiwillig, ohne Muss und "aus sozialer Verantwortung heraus" sei in den Folgemonaten gemeinsam ein Sozialplan ausgehandelt worden. Ebenfalls mit dem Betriebsrat zusammen sei der bundesweit tätige Personalentwickler Runstedt für die Transfergesellschaft ausgesucht worden, so Hahn. In der Auffanggesellschaft sind die entlassenen Buderus-Mitarbeiter für die Zeit ihrer doppelten Kündigungsfristen befristet beschäftigt. Dort sollen sie Bewerbungstrainings erhalten und weiterqualifiziert werden, um schnellstmöglich anderswo neue Jobs zu finden.

Der Stellenabbau passiert dem Personalchef zufolge nicht allein über Kündigungen. In einigen Fällen sei es die 63er-Rentenregelung, in zirka 25 anderen Fällen seien die Mitarbeiter von sich aus auf die Geschäftsführung zugegangen und freiwillig mit Abfindung gegangen. Die meisten Betroffenen aber wechselten in die Auffanggesellschaft. Sie erhalten ebenfalls eine Abfindung und für die komplette Laufzeit der Maßnahme 90 Prozent ihres letzten Durchschnittsnettolohns plus Weihnachts- und Urlaubsgeld. Buderus stocke freiwillig das von der Arbeitsagentur gezahlte Transferkurzarbeitergeld auf, so Hahn.

Die Mitarbeiter erfahren Monate später vom ausgehandelten Sozialplan

Allein Mitarbeiter, die keines der Angebote annehmen, würden betriebsbedingt gekündigt.

Die Sozialplanverhandlungen zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat gingen geräuschlos über die Bühne. Die Edelstahl-Belegschaft erfuhr erst im Juni während einer planmäßigen Betriebsversammlung davon. Auch Stefan Sachs stand als zuständiger Gewerkschaftssekretär der IG Metall während der Verhandlungen ziemlich außen vor, wie er auf Nachfrage erklärt. Erst hätten Rahmenbedingungen abgesteckt und die Transfergesellschaft genehmigt sein müssen, begründet Personalchef Hahn.

Der eine oder andere Mitarbeiter erhielt gleich am Tag nach der Betriebsversammlung im Personalbüro seine Papiere. Das stößt einigen Betroffenen sehr sauer auf. Sie fühlen sich auch von ihrem Betriebsrat im Stich gelassen. So sagte ein Mitfünfziger in dieser Woche nach dem Besuch des zweitägigen Profiling-Seminars, was die Voraussetzung für den Eintritt in die Transfergesellschaft ist: "Wo soll ich in meinem Alter noch einen neuen Job finden?" Der Mann hat geklagt und wird sich im Dezember mit seinem Ex-Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht in Gießen treffen. Andere warfen dem Betriebsrat vor, er habe mit der Zustimmung zum Sozialplan eine Quasi-Unkündbarkeit zunichte gemacht: Der Tarifvertrag der Metaller sieht die Möglichkeit einer Kündigung für Arbeitnehmer ab dem 50. Lebensjahr und mindestens 15 Jahren Betriebszugehörigkeit allein für zwei Fälle vor: Fehlverhalten oder das Vorliegen eines Sozialplans. Laut Personalchef Hahn handelt es sich um "einige wenige" Mitarbeiter, die die juristische Auseinandersetzung suchen. In zweien dieser Fälle habe man sich inzwischen außergerichtlich geeinigt.

"Sehr ruhig und ohne Rechtsstreitigkeiten" sei der gesamte Prozess bislang vonstatten gegangen, sagte Hahn. Das spreche "für den außerordentlich professionellen, fairen, transparenten und partnerschaftlichen Umgang miteinander". Andererseits sei klar, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für jeden Einzelnen schlimm sei.

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Voestalpine steht zu Standort

Befürchtungen, das Traditionsunternehmen Buderus Edelstahl in Wetzlar könne insgesamt in Gefahr sein, trat Personalchef Rüdiger Hahn im Gespräch mit dieser Zeitung entgegen: Zum einen solle das Kostensenkungsprogramm genau das verhindern. Zum anderen habe die Konzernmutter in den vergangenen Jahren 350 Millionen Euro investiert. Das zeige, dass Voestalpine langfristig auf den Standort baue, so Hahn.


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Kommentare (1)
Von der EU und dem Euro profitieren "WIR" doch angeblich am meisten. So wird es uns doch zumindest ständig gebetsmühlenhaft von der Politik und anderen Absahnern vorgelabert.

Ob die 75 nun zu Entlassenden das genauso mehr
sehen, wage ich zu bezweifeln. Aber vermutlich gehörten die ja nicht zu "UNS"...
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