Ehrlichkeit kostet sechs Euro

FUNDBÜRO Frau soll Lagergebühr für nicht abgeholten Fund zahlen

Sechs Euro "Lagergebühr" fordert die Gemeinde Lahnau für einen vor vier Jahren gefundenen und im Rathaus abgegebenen Ring. (Foto: Ewert)

Da sie davon ausging, dass der Ring nun von irgendjemandem schmerzlich vermisst wird, gab Karin L. den Ring im Dorlarer Rathaus ab - und vergaß die ganze Sache schon kurz danach mit einem ruhigen Gewissen. Denn, wenn der Ring von seinem Besitzer bei der Gemeinde wieder abgeholt werden würde, war der Zweck ja erfüllt. Die Sache schien also erledigt, da sich die Gemeinde nach einem Jahr nicht bei ihr meldete, der Frist nach deren Ablauf Fundsachen an den Finder zurückgegeben werden, falls sich der Eigentümer nicht fand. Die Sache war also offenbar zur Zufriedenheit erledigt. Sollte man meinen.

Vor wenigen Tagen aber, im Januar 2015, telefonierte die Gemeinde Lahnau bei Karin L. an mit der Nachricht, dass sich bezüglich des silbernen Rings niemand gemeldet habe und das Schmuckstück nun in den Besitz der Finderin übergehen würde, wenn sie ihn denn im Rathaus wieder abhole. Dorthin, so erinnerte sich Karin L., hatte sie ihn vier Jahre zuvor gebracht. Dann nehme ich ihn halt wieder an mich, sagte sich die verheiratete Dorlarerin, die nicht darüber nachdachte, warum die Gemeinde vier Jahre für eine "Amtshandlung" benötigt, die eigentlich schon nach einem Jahr angesagt gewesen wäre.

Die Finderin verzichtet auf den Ring, der ihr mittlerweile gehören würde

Nichts Außergewöhnliches ahnend, begab sie sich also bei passender Gelegenheit ins Rathaus, um den Ring entgegenzunehmen. Dann aber gab es eine Überraschung, die rasch in eine Portion Ärger umschlug: Sie sollte sie für die Entgegennahme des kleinen Ringes sechs Euro "Lagergebühr" in die Lahnauer Gemeindekasse zahlen, so wie es eine entsprechende Satzung vorsieht. Mit dieser Wendung hatte Karin L. aber nun wahrlich nicht gerechnet. Sie sollte für ihre Ehrlichkeit und das Abgeben des Rings nun auch noch eine Gebühr zahlen. Sie würde, so kommt es ihr vor, damit praktisch für ihre Ehrlichkeit bestraft. Hätte sie seinerzeit den Ring nicht abgegeben und wäre dieser dann de facto schon vor vier Jahren in ihren Besitz übergegangen, hätte sie das nichts gekostet, außer der möglichen Gewissensbisse, ob so etwas denn rechtmäßig sei.

Und nun dies: Sechs Euro Gebühr an die Gemeinde als "Dank" für ihr eigentlich doch vorbildliches Verhalten. Übrigens, so die Auskunft der Gemeindebediensteten auf ihre Frage, hätte es laut Satzung gleichfalls sechs Euro gekostet, wenn sie den Ring bereits nach einem Jahr wieder erhalten hätte. So ist das also. Karin L. will nun keinesfalls neu über die Sinnhaftigkeit des Sprichwortes "Ehrlich währt am längsten" nachdenken, allerdings verzichtet sie auf den Ring, der ihr mittlerweile von Rechts wegen eigentlich gehören könnte.

Der Fingerschmuck bleibt also nun im Gewahrsam der Gemeinde Lahnau und nimmt dann wohl weiterhin auf unabsehbare Zeit "Lagerplatz" im Rathaus in Anspruch. Es sei denn, es käme jemand  auf die Idee, eine öffentliche Versteigerung des wertvollen Stückes in Betracht zu ziehen. Mindestgebot: sechs Euro.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet