Ein sensibles Thema anpacken

FSJ  Junge Leute befassen sich mit Gewalt und sexuellem Missbrauch

Wenn jeder auf dem Schoss des anderen sitzt, haben alle einen stabilen Sitzplatz: Gruppenübung der FSJler mit den Seminarleitern Klaus Breunig-Schöller (vorne Mitte) und Meike Saalback (hinten Mitte). (Foto: Koelschtzky)

Für eine Schulung in Wolfshausen haben sich 24 junge Freiwillige das heikle Thema „häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch“ ausgesucht. 24 junge Leute machen derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) bei der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Ausbildungs- und Beschäftigungsinitiativen (GWAB) des Lahn-Dill-Kreises.

„Es ist ein sensibles Thema, und ich möchte einschätzen können, ob wirklich sein kann was ein Kind erzählt“

Die Jugendlichen haben sich selbst das schwierige Thema „häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch“ ausgesucht. „Das ist ein Thema, über das selten offen gesprochen wird. Viele Leute schauen wohl auch lieber weg“, sagt Sigrun Müller aus Steinbach.

Die 19-Jährige möchte aber wissen, was sie tun soll, wenn sie bei einer Schülerin oder einem Schüler den Verdacht hat, zu Hause seien möglicherweise Gewalt oder sexuelle Übergriffe im Spiel. „Deshalb hat mich das Thema interessiert“, sagt sie. Ihr FSJ an der Johann-Textor-Schule in Haiger findet sie super. „Ich werde überall eingesetzt, wo gerade jemand gebraucht wird. Als Assistenz für Schüler mit Einschränkungen, wenn da jemand ausfällt, als Hausaufgabenbetreuung oder auch mal in schwierigen Klassen oder im Sekretariat. Diese Abwechslung ist total spannend“, sagt sie.

Wenn sie nach dem FSJ ihr Fachabi in der Tasche hat, will sie aber erst einmal eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich machen, erzählt Siegrun.

Melissa Bietz aus Sechshelden macht ihr FSJ an der Grundschule in Dillbrecht. Sie hat das Fachabi in Sozialwesen in der Tasche und möchte nach dem FSJ Sozialpädagogik studieren. Das Thema der Schulung interessiert sie, weil sie einfach wissen möchte, was sie tun kann, wenn sie einen Verdacht hat. „Es ist ja ein sehr sensibles Thema, und ich möchte auch einschätzen können, ob wirklich sein kann, was ein Kind erzählt“, erklärt sie.

Unter anderem haben die Teilnehmer in Gruppen verschiedene Einrichtungen besucht, die sich mit dem Thema häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch befassen. Nun berichten sie im Plenum von ihren Erfahrungen.

Die Gruppe, die das Frauenhaus besucht hat, hat viele spannende Dinge erfahren. Zum Beispiel, dass gut die Hälfte der Bewohner von Frauenhäusern Kinder sind und diese sehr unter der Erfahrung von Gewalt gegen die Mutter leiden. Sie zeigen oft Entwicklungsstörungen im körperlichen und geistigen Bereich, haben psychosomatische Erkrankungen, sind meist sozial isoliert und neigen oft selbst zu Gewalt.

Die Mädchen haben auch erfahren, dass der Notruf des Frauenhauses rund um die Uhr besetzt ist und man jederzeit anrufen kann. Sie haben sich angesehen, wie die Frauen und Kinder dort leben und wie schwer es den Frauen oft fällt, sich aus der Gewaltbeziehung zu lösen. Auch dass es Männerhäuser gibt, war den Mädchen neu.

Beim Kinderschutzbund hat eine andere Gruppe erkundet, wie dort mit seelischer, psychischer, ökonomischer, körperlicher oder sexueller Gewalt in Familien umgegangen wird. Am Kindertelefon können Kinder anrufen und schildern, was mit ihnen passiert.

Bei der AG Freizeit konnten Siegrun und Angelique selbst ausprobieren, wie dort in Selbstbehauptungskursen Kindern mit geistigen oder körperlichen Behinderungen gezeigt wird, dass sie sich wehren können.

Die beiden Mädchen führen den anderen Teilnehmern eindrucksvoll vor, wie man auch ohne Worte deutlich macht, dass man in Ruhe gelassen werden will oder auf wie viele Arten man „nein“ oder „ja“ sagen kann. Schockiert sind sie von der Information, dass Menschen mit Behinderungen deutlich häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen sind als Menschen ohne Handycap.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet