Eine Familie steht unter Strom

Serie  Karl-Heinz Schmidt hat bei den Pallottinern für gute elektrische Verbindungen gesorgt

Seine kleine Werkstatt ist das Reich von Pallottinerbruder Karl-Heinz Schmidt. Hier fühlt sich der 73-Jährige zu Hause. (Foto: Fluck)

Der 73-jährige gelernte Starkstromelektriker und ehemalige Leiter der Elektrowerkstatt blickt im kommenden Jahr auf sechs Jahrzehnte in dem Limburger Kloster zurück und sagt: „Ich war immer zufrieden und hatte nie Schwierigkeiten. Wir hatten alles nur keine Frau.“

Wer ihn kennt, der weiß, dass Bruder Schmidt auch im Ruhestand seine reichhaltige Erfahrung nicht einfach so beiseitelegen kann. Wer jahrzehntelang eine Elektrowerkstatt geleitet, ein Dutzend Lehrlinge ausgebildet und mindestens 20 Jahre dem Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer angehört hat, wird immer mal ein bisschen rückfällig.

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So hat sich Karl-Heinz Schmidt auch nach der Schließung seiner Werkstatt einen Raum gesichert, in dem er auf Geräte und Werkzeug für den Hausgebrauch zurückgreifen kann. Draußen auf der Werkstatttür ist in großen Lettern zu lesen: „Erst sehen, was sich machen lässt, dann machen, was sich sehen lässt.“

„Nach diesem Leitspruch habe ich immer gearbeitet“, sagt Bruder Schmidt und betont: „Wir waren zwei bis drei Gesellen und hatten ebenso viele Lehrlinge. In der Werkstatt war alles picobello. Ich konnte das Werkzeug blind greifen.“ Diese Ordnung hat er auch in seinem reduzierten Arbeitsbereich beibehalten.

Karl-Heinz Schmidt erblickte als jüngstes von fünf Kindern im nordrhein-westfälischen Heinsberg das Licht der Welt. Später wohnte die Familie in Duisburg-Beeck. Drei Schwestern leben noch, die älteste ist 91 Jahre alt. Karl-Heinz, dessen Vater evangelisch war, ist gerne als Messdiener und in der Jugendarbeit der Pfarrei aktiv gewesen. Ein Pfarrer und zwei Kapläne haben ihn mitgeprägt. Während einer Erholung im Sauerland konnte er erste Einblicke in das Klosterleben gewinnen. „Damals wurde die Grundlage für meine Berufung gelegt“, stellt der 73-Jährige rückblickend fest.

Für ihn war schon bald klar: „Ich wollte Bruder werden.“ Er hatte drei Orden angeschrieben, darunter die Pallottiner, deren Antwort am schnellsten eintraf. „Meine Mutter hat genäht und eine Frau gekannt, die ihr die Knopflöcher machte. Die kannte einen Limburger Pallottinerpater.“ So war es damals für den erst 14-Jährigen keine Frage, nach der Schule zu den Pallottinern nach Limburg zu fahren.

„Ich war vorher schon mal an Weihnachten hier. Als ich mit dem Zug von Koblenz die Lahn hochfuhr, da war ich als Stadtjunge von der Landschaft begeistert“, erzählt der 73-Jährige und weiß noch ganz genau: „Eine Woche nach der Entlassung aus der Volksschule musste ich schon arbeiten. Das war damals so; nicht wie bei den jungen Leuten heute, die erst mal zwei Monate Urlaub machen.“

Dass er Elektriker werden wollte, stand für den jungen Karl-Heinz nie infrage. Geprägt durch seinen Vater, der Elektriker war, und einen Bruder, der den Beruf erlernte, wollte auch Karl-Heinz dieser Arbeit nachgehen. Später komplettierten zwei Schwager, die auch Elektriker waren, die Familie. Schmidt: „Nur einer, der war Schreiner.“

Er begann am 1. April 1958 mit seiner Ausbildung in der Pallottinerwerkstatt. „Wir haben in einem Saal mit 25 Lehrlingen geschlafen; jeder hatte ein Schränkchen. Im ersten Lehrjahr durften wir nicht nach Hause, haben nie eine Mark verdient, nur Urlaubsgeld bekommen. Wir hatten einen Fußballplatz, ein Schwimmbad. Es fehlte ja nichts“, erinnert Schmidt.

Seinem Vater sei das Kloster gar nicht recht gewesen. Später erfuhr Karl-Heinz, dass der Vater zu Hause immer wieder die Schallplatte „Junge komm bald wieder“ von Freddy Quinn aufgelegt hatte. „Aber als er dann mal hier zu Besuch war, da hat es auch ihm gefallen und er hat nie mehr was gesagt“, berichtet Bruder Schmidt, der 1961 seine erste Profess (das Klostergelübde) ablegte.

Ein prägendes Erlebnis hatte er Anfang der 1970er Jahre als ihn sein damaliger Chef und Werkstattleiter aufforderte, die Meisterschule zu besuchen, weil er sein Nachfolger werden sollte. „Kurz nachdem ich 1973 meine Prüfung bestanden hatte, starb der Meister und ich musste ran“, berichtet Schmidt.

1988 war Schmidt in einem Pulk von Radlern 2700 Kilometer nach Santiago de Compostela unterwegs

Der Arbeitsbereich des Elektromeisters war umfangreich und vielseitig: Er installierte im ganzen Haus, stellte das Stromnetz von 110 auf 220 Volt um. „Wir hatten eine riesige Druckerei, eine Gärtnerei mit zwei 60 Meter langen Gewächshäusern, dazu die Landwirtschaft. Wir haben das Kesselhaus betreut; der Dampfkessel musste zweimal täglich bedient werden. Um fünf Uhr morgens musste ich ihn einschalten“, sagt Schmidt. Er habe viel gearbeitet, auch sonntags. Doch was er getan habe, sei heute alles weg.

Trotz seiner vielen Arbeit hatte Karl-Heinz Schmidt immer wieder mal Zeit, seinem Freund in Oberweyer, dessen Bruder auch ein Pallottiner war, in der Landwirtschaft zu helfen. „Einmal habe ich ihm den ganzen Hof gemacht, damit er mit seinen Kindern in Urlaub fahren konnte“, berichtet der Elektromeister.

Die in Kapstadt (Südafrika) lebende Tochter seines Freundes hat er zweimal besucht. Der Sohn seines Freundes, sein Patenkind, hat ihm mit seiner Familie zum 70. Geburtstag ein E-Bike geschenkt.

Karl-Heinz Schmidt ist ein hilfsbereiter Bruder; ganz im Sinne des Ordensgründers, des heiligen Vinzenz Pallotti. Gab es in heimischen Gärtnereien mal ein elektrisches Problem, war Bruder Karl-Heinz zur Stelle. Doch vor rund drei Jahren hat er offiziell mit der Elektroarbeit aufgehört. Jetzt unterstützt er morgens und abends stundenweise den Hausmeister, beseitigt schon mal eine Störung im neuen Kesselhaus, behält das Blockheizkraftwerk und die Pelletheizung im Blick.

Sein Hobby sind Wanderungen und Radtouren. Ist er früher 20 Jahre lang mit anderen Brüdern im Zillertal gewandert, so hat er sich später auf Radtouren spezialisiert. Im August 1988 war er in einem Pulk von Radlern 2700 Kilometer nach Santiago de Compostela unterwegs. In späteren Jahren radelte er einmal im Jahr mit über 20 begeisterten Mitfahrern quer durch Deutschland, einmal nach Prag und in die Schweiz.

Heute beschränkt sich der Ruheständler auf 20- bis 40-Kilometer-Strecken, erkundet öfter mal mit einem Inder und einem Eritreer die hiesige Region. „Ich will in Bewegung bleiben“, sagt der Elektromeister. „Dann fahre ich schon mal auf den Mensfelder Kopf und rauche gemütlich eine Zigarre“, fügt er hinzu und verweist auf sein Kilometerbuch: „1500 bis 2000 Kilometer im Jahr reichen aus, mehr sollen es nicht mehr werden und dreimal täglich wird gebetet.“


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