Einmal auf dem Richterstuhl sitzen

"Tag der Justiz" gewährt seltene Blicke hinter die Kulissen des Amtsgerichts
Direktor Michael Heidrich (l.) erklärte der Haigerer Abiturientin Lea, die gemeinsam mit ihrer Mutter zum "Tag der Justiz�? gekommen war, die möglichen Berufsbilder in der Justiz. (Fotos: Röder)

Gericht verhandelte 2011 insgesamt 3600 Bußgeld- Verfahren

Am "Tag der offenen Tür" lud das Amtsgericht Dillenburg – wie viele der 73 Gerichte in Hessen – zu Vorträgen zu Themen, die für Direktor Heidrich und Geschäftsführer Hans-Joachim Neef "täglich Brot" sind. "Nachlass- und Erbrecht" oder "Zwangsversteigerungen" standen da auf der Tagesordnung. Man habe jedoch davon Abstand genommen, reale Verfahren auf den Ablaufplan zu setzen. "Eigentlich haben wir jeden Tag ,Tag der offenen Tür‘, denn bei uns sind die meisten Verfahren öffentlich. Wer Interesse an unserer Arbeit hat, darf diese gerne besuchen", erklärte Neef.

Auf Abiturientin Lea wartete zudem eine Premiere: zum ersten Mal konnte sie in einen Gerichtssaal hineinblicken, in denen nahezu jeden Tag Verhandlungen stattfinden. Sie konnte schauen, wo Richter, Anwälte und Zeugen Platz nehmen und den eigenen Platz selbst wählen. Auch an einer "Pressekonferenz" nahmen Lea und andere Interessierte teil. Heidrich und Neef gaben eine Übersicht über Verfahrenszahlen und Organisation des Gerichts. "Das Amtsgericht Dillenburg wird in den nächsten Jahren nicht arbeitslos", so Heidrich. Wegen der Brückenbauarbeiten auf der A 45 und der damit verbundenen Geschwindigkeitsmessungen verhandelte das Amtsgericht im vergangenen Jahr 3600 Bußgeld-Verfahren. Zum Vergleich: 2008 waren es 642. Da die Bauarbeiten vermutlich bis 2020 andauern werden, haben die elf Richter des Amtsgerichts in den nächsten Jahren genug zu tun.

Doch auch ohne die Bußgeld-Verfahren würde es ihnen nicht langweilig. Zwangsvollstreckungen und Grundbuchsachen schlagen ebenfalls mit 3668 respektive 3948 Verfahren zu Buche. Einzig die Zwangsversteigerungen sind unterdem Durchschnitt: 119 Fälle wurden 2011 verhandelt.

Trotz der enormen Menge an Verfahren, die die Richter zu schultern haben, bewegen sich die durchschnittlichen Verfahrensdauern im grünen Bereich; man ist sogar überdurchschnittlich schnell in Dillenburg. Strafsachen werden in rund 3,5 Monaten abgehandelt; der landesweite Durchschnitt liegt bei 4,9 Monaten. Insgesamt sind im Amtsgericht Dillenburg und seiner Zweigstelle in Herborn 77 Bedienstete beschäftigt. "Ohne diese und die tolle Teamarbeit, die hier geleistet wird, ginge es auch nicht so reibungslos und schnell", lobte Neef. Zudem kann das Amtsgericht auf eine lange Tradition zurückblicken, die bis in die Zeiten des Herzogtums Nassau reicht. "Damals war das Gericht noch um einiges größer und das Einzugsgebiet reichte bis weit auf den Westerwald", so Heidrich. "Dillenburg war neben Wiesbaden das einzige Appelationsgericht im Herzogtum." Erst 1867 wurde die preußische Gerichtsbarkeit eingeführt und das Dillenburger Amtsgericht fiel unter die Landgerichtsbarkeit Limburgs.


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