Fortbildung als Strafe für Lehrer

URTEIL Gericht spricht Pädagogen schuldig / Lehrerverbände verteidigen Kollegen

Muss nachsitzen: Musiklehrer Phillip Parusel (links) - hier mit seinem Anwalt Andreas Vorster. (Foto: Vennenbernd/dpa)

Es war laut, es war unruhig und seinen geplanten Unterricht zum "Teufelsgeiger" Paganini konnte Musiklehrer Phillip Parusel abhaken. Deswegen verpflichtete der 50-Jährige seine sechste Klasse einer Realschule in Kaarst zum Abschreiben des Wikipedia-Eintrags über den Musiker. Zum Ende der Stunde hatte der Pädagoge sich mit seinem Stuhl quer vor die Klassentür gesetzt. Wer raus wollte, musste den Text vorzeigen. Ein Schüler rief per Handy die Polizei. In der Klasse würden Schüler festgehalten und geschlagen.

Amtsrichter Heiner Cöllen attestierte dem Lehrer in Neuss, einen Schritt zu weit gegangen zu sein - "bei allem Verständnis für den schweren Job". Den Stoß in den Bauch eines heute 13 Jahre alten Schülers wollte der Richter aber nicht wie die Anklage als Körperverletzung werten - und sprach den Lehrer von diesem Vorwurf frei.

Von einer Geldstrafe sah Cöllen ebenfalls ab und beließ es bei einer seltenen "Verwarnung mit Strafvorbehalt": Wenn der Lehrer sich zum Umgang mit schwierigen Schülern fortbilde, also quasi selbst nachsitze, könne er sich 1000 Euro Geldstrafe ersparen.

"Das passiert vermutlich jeden Tag"

"Bedenklich" nennt die NRW-Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Dorothea Schäfer, die Entscheidung: "Das passiert vermutlich jeden Tag in irgendeiner Schule in NRW. Es sollte möglich sein, dass Schüler auch mal fünf Minuten länger in einer Klasse bleiben."

"Das Ende des Unterrichts bestimmt der Lehrer - sonst niemand", sagt auch Udo Beckmann vom Lehrerverband VBE, zeigt aber Verständnis für das Urteil: "In der Regel hat der Lehrer den Schüler nicht anzufassen. Damit geht er einen Schritt zu weit." Schüler dürften nicht körperlich am Verlassen des Klassenraums gehindert werden.

Eine reine Strafarbeit ohne pädagogischen Wert sei die Abschreiberei gewesen, kritisierte der Vertreter der Staatsanwaltschaft und beantragte 1500 Euro Geldstrafe. Zuvor war die Behörde noch bereit gewesen, das Verfahren gegen 300 Euro Geldauflage einzustellen. Doch der Musikpädagoge hatte abgelehnt, weil er sich für unschuldig hielt: "Es ging mir nicht ums Geld", betonte er. Sein Unterricht sei keine Strafarbeit gewesen und er müsse nicht alle Schüler gleichzeitig aus dem Klassenraum stürmen lassen.

Ob er sich mit dem Urteil abfinden werde, wisse er noch nicht. Dabei habe er nichts gegen die Fortbildung: "Ich bin offen für Tipps." (dpa)


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