"Früherkennung ist sehr wichtig"

DIREKTER DRAHT Diagnose in frühem Stadium ermöglicht schonendere Behandlung

Die Überlebensrate bei Brustkrebs liegt laut Professor Wagner im Umfeld des Uniklinikums über alle Stadien hinweg bei 92 Prozent. Wenn die Tumore in einem frühen Stadium erkannt werden, sogar bei 96 Prozent. "Deshalb macht die Früherkennung großen  Sinn", erklärte Uwe Wagner. In seinen Augen ist aber die Überlebensrate gar nicht der entscheidende Punkt, der für die Früherkennung spricht. Er weist auf einen anderen Aspekt hin: Je früher ein Tumor erkannt wird, desto schonender und weniger belastend sind die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um die erkrankten Frauen zu heilen.

Nach wie vor ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. 69 000 Neuerkrankungen zählen die Mediziner jedes Jahr in Deutschland. Der größte Teil der Patientinnen sei über 50 Jahre alt, sagte Wagner, aber natürlich gebe es angesichts der hohen Zahl der erkrankten Frauen auch viele junge Patientinnen.

Der Medizin steht laut Uwe Wagner heute eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, die Patientinnen zu behandeln. Dies gelinge beim Gros der Frauen sehr schonend. Meist reiche eine örtliche Operation samt Strahlentherapie - entweder während oder nach der Operation. Um die Rückfallquote zu minimieren, könne die Operation durch eine Antiöstrogentherapie ergänzt werden. Bei einem geringen Teil der Patientinnen sei darüber hinaus eine Chemotherapie notwendig, teils kombiniert mit einer modernen Antikörpertherapie.

Möglich sind auch prophylaktische Operationen. Sie rücken nach Aussage des Gynäkologen dann in den Fokus, wenn Frauen Trägerinnen einer Mutation sind. Hinweis darauf sind familiäre Belastungen. Wenn solche Belastungen vorliegen, so Uwe Wagner, mache ein spezieller Test durchaus Sinn.

"Eine richtige Prophylaxe gegen Brustkrebs gibt es nicht", erklärte der Gynäkologe. Bekannt ist allerdings, dass längere Hormoneinnahme ein ausschlaggebender Faktor ist. Darüber hinaus spielt es eine Rolle, ob Frauen Kinder bekommen und über längere Zeit hinweg gestillt haben. Das sei schon seit dem 17. und 18. Jahrhundert bekannt, erklärte Wagner. Nonnen hätten nämlich sehr viel häufiger an Brustkrebs gelitten als Frauen mit Kindern. Aber das sei eben ein Faktor, der sehr mit der heutigen Lebensweise zusammenhänge und der sich daher kaum ändern lasse.

Professor Uwe Wagner betonte während des "Direkten Draht" mehrfach den Wert der Früherkennung, auch gegenüber einer 59-jährigen Anruferin aus Wetzlar. Sie zeigte sich gegenüber dem Mammografie-Screening skeptisch, weil sie eine Überdiagnose befürchtete, also das fälschliche Diagnostizieren eines gar nicht vorhandenen Tumors. Ihr gegenüber wies Uwe Wagner darauf hin, dass die sehr gute Überlebensrate auch auf dem Screening basiere. "Die Gruppe der Frauen, deren Tumor früh erkannt wird, hat auch den einfachsten Weg zur Heilung", betonte er.

Uwe Wagner: Screening erfasst bereits Tumore sehr geringer Größe

Uwe Wagner unterstrich sein Votum für das Mammografie-Screening mit einigen Zahlen: Durch Tasten könne man einen Tumor erst erkennen, wenn er etwa 16 bis 20 Millimeter groß ist. Ein erstes Screening erfasse dagegen schon Tumore mit einer Größe von fünf bis sechs Millimetern. Im Übrigen bedeute der Begriff "Überdiagnose" nicht, dass diese Frauen dann auch operiert werden. Eine einfache Punktion reiche in diesen Fällen aus, um eine Tumorerkrankung auszuschließen.

Nachholbedarf sieht Uwe Wagner noch beim Umgang mit den psychischen Folgen der Erkrankung. Die Brust sei nicht irgendein Körperteil, sagte er, sondern stehe in engem Zusammenhang mit der Weiblichkeit und der Fortpflanzung. Die psychische Belastung durch Brustkrebs sei für die Frauen daher immens.


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