Gericht sieht keine „Go-Sick-Aktion“

Arbeit Vorwurf wegen verabredeter Massenkrankschreibung konnte vor Gericht nicht bestehen

Eine solche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung legten die Kläger dem Arbeitgeber vor, der daraufhin eine kollektive Krankschreibung als Protestform vermutete. (Foto: Pleul)

Krankgeschriebene Leiharbeiter eines Personaldienstleisters aus dem Nordkreis dürfen nicht reihenweise entlassen werden, weil der bloße Verdacht auf eine sogenannte „Go-Sick-Aktion“ besteht – das entschied das Gießener Arbeitsgericht am Montag.

Denn alleine der Verdacht reiche nicht aus, um die Arbeitnehmer kollektiv zu entlassen, wie Arbeitsrichterin Susanne Blech erklärte. Rückblick: Geklagt hatten rund 20 von insgesamt 48 Leiharbeitern des Unternehmens, denen Anfang des Jahres gekündigt worden war, nachdem sie an einem neuen Arbeitsort nicht aufgetaucht waren. Dem Arbeitgeber hatten sie zuvor Bescheide wegen Arbeitsunfähigkeit vorgelegt. Dies geschah etwa zu dem Zeitpunkt, als die Zeitarbeiter über eine Versetzung zu einer anderen Firma informiert wurden.

Dort hätten sie bei einem Stundenlohn von 9,23 Euro deutlich weniger verdient als zuvor. Das Unternehmen vermutete Arbeitsverweigerung, warf den Mitarbeitern vor, sich aus Protest wegen der Freistellung gezielt zu einer Massenkrankschreibung verabredet zu haben.

Gestützt werde der Vorwurf durch „deutliche Unmutsbekundungen“ und Äußerungen mehrerer Mitarbeiter, dass sie nicht zu den neuen Konditionen arbeiten wollen, wie Rechtsanwalt Michael Preusse für die Beklagtenseite mitteilte. Das Ganze sei „existenzgefährdend“, wenn rund 20 Prozent der Belegschaft nicht zur Arbeit erscheine – zumal man sich um neue, bessere Stellen bemüht habe.

Bei dem neuen Job bei einem Tochterunternehmen des Personaldienstleisters in der Gussbearbeitung seien die Arbeitnehmer jedoch nicht aufgetaucht. An eine tatsächliche Erkrankung glaube das Unternehmen nicht, zweifelte die Beweiskraft der ärztlich dokumentierten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen an.

Dem widersprach die Klägerseite: Denn mehrere Arbeiter waren nachweislich bereits krankgeschrieben, bevor die Belegschaft überhaupt über den neuen Arbeitsort informiert wurde, „er war schon vor der Betriebsversammlung beim Arzt, wie hätte er das dann wissen können?“, stellte Rechtsanwalt Alexander Knapp in den Raum, der zwei betroffene Kläger vertrat. Demnach habe schon zeitlich gar nicht die Möglichkeit bestanden, sich zu einer „Go-Sick-Aktion“ zu verschwören.

„Das ist wirklich etwas dünne“, kommentierte auch die Richterin die Argumentation des Unternehmens, auch wenn das Gericht „eine auffällig hohe Anzahl“ an Krankschreibungen einsah. Doch selbst wenn es von Teilen der Belegschaft eine solche Absprache gegeben habe – die Beweislast liege auf Seiten der Beklagten.

Der Fall kann noch nicht zu den Akten gelegt werden: Die Firma wird wohl Berufung einlegen

Doch die Firma konnte keine weiteren Nachweise erbringen, habe zudem einfach pauschal gekündigt, unerheblich davon, ob die betroffenen Mitarbeiter bereits vor oder erst nach der Betriebsversammlung krank geschrieben wurden – über die Liste wurde anscheinend „nur grob drüber gegangen“, merkte die Richterin an.

Das Gericht gab allen Klagen statt und den Leiharbeitern recht. „Es reicht einfach nicht aus – nur weil sich ein Teil der Mitarbeiter krank schreiben lässt, kann man im Umkehrschluss nicht allen kündigen“, betonte Blech. Alleine die Tatsache als Beweis heranzuziehen, dass es besonders viele Krankschreibungen gegeben hatte, sei nicht genug, „das bedeutet nicht gleich, dass alles fingiert war“. Damit wären die Kündigungen unrechtmäßig. Zu den Akten gelegt werden kann der Fall indes wohl noch nicht.

Sehr wahrscheinlich werde die Beklagte wohl Berufung einlegen und den Fall erneut vor das Landesarbeitsgericht bringen.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet