Gewalterfahrungen sind verbreitet

FLÜCHTLINGE Projektgruppe beklagt deutschlandweiten Mangel an Therapieangeboten 

Viele Flüchtlinge im Landkreis leiden als Gewaltopfer - mitunter durch Folter - an psychischen Erkrankungen. (Foto: Bonn-Meuser/dpa)

Posttraumatische Belastungsstörung, Depression, körperliche Leiden: 80 Prozent aller untersuchten Asylbewerber erfüllen das vollständige Bild einer der erfragten psychischen Störungen. "Dieser Anteil ist viel höher als in der Allgemeinbevölkerung, die Asylsuchenden waren um ein Vielfaches stärker belastet als die Untersuchten aus der deutschen Vergleichsgruppe", sagt Dr. Ricarda Nater-Mewes, Psychologin in dem Projekt "Da.Sein".

40 Prozent der traumatisierten Flüchtlinge hatten Pläne, sich das Leben zu nehmen

Die meisten Menschen litten nach ihrer Flucht unter Schlafstörungen, Albträumen, wiederkehrenden Bildern von traumatischen Situationen, einer niedergeschlagenen Stimmung sowie einer hohen Anspannung und Nervosität: Zwischen Anfang 2014 und 2015 haben die Marburger Forscher 150 kürzlich im Bundesland angekommene Asylbewerber untersucht - ein knappes halbes Jahr später folgte eine weitere Untersuchung, um den Verlauf zu ermitteln.

Traumatische Erlebnisse schilderten demnach die meisten, viele erlebten Gewalt bereits im Heimatland, andere machten belastende Erfahrungen während der Flucht. 35 von den Marburger Forschern untersuchte Männer und Frauen bezeichnen sich als Folteropfer, 80 weitere hätten Gewalt im engsten Sinne selbst erlebt. Das Durchschnittsalter der Befragten liegt bei 32 Jahren, die meisten stammen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Eritrea sowie Somalia. Im Landkreis untersuchten die Forscher Asylbewerber in Marburg, Stadtallendorf und Lohra.

Die Versorgung von Folteropfern und traumatisierten Flüchtlingen in Hessen sei - so das Urteil der Projektgruppe - "rar, sehr schlecht". Sowohl im Landkreis Marburg-Biedenkopf als auch im Landkreis Gießen gebe es noch keine spezialisierten Behandlungszentren.

Mittlerweile wurde in Marburg-Biedenkopf aber ein Anfang gemacht, das Kompetenznetzwerk "Psychische Gesundheit nach Flucht und Migration" gegründet.

Das Ergebnis der Marburger Wissenschaftler deckt sich mit Analysen der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Demnach haben 70 Prozent der Erwachsenen, die als Flüchtlinge in Deutschland ankommen, Gewalt gegenüber anderen miterlebt. Mehr als jeder zweite Flüchtling hat Leichen gesehen oder wurde selbst Gewaltopfer.

Auch die Kinder und Jugendlichen, die in der Bundesrepublik ein neues Zuhause finden wollen, haben oft Traumatisierendes gesehen. Jeder Vierte wurde demnach Zeuge von Gewalt an Mitgliedern seiner Familie, heißt es in dem Papier der Psychotherapeutenkammer. 38 Prozent haben einen Krieg miterlebt, 41 Prozent körperliche Angriffe auf andere.

Laut weiteren deutschen Studien leidet rund die Hälfte der Flüchtlinge unter Depressionen. Etwa 40 bis 50 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge haben eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) - eine Quote, die zehnmal höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Betroffene erleben die traumatische Situation immer wieder, oft in Albträumen oder als blitzartige Bilder. "Die PTBS-Betroffenen sind schwer psychisch krank", sagt BPtK-Präsident Dietrich Munz. "Sie benötigen dringend eine Psychotherapie. Es ist beschämend, dass Menschen mit solch starken und schmerzenden psychischen Verletzungen fast nie eine angemessene Hilfe erhalten."

40 Prozent der traumatisierten Flüchtlinge hatten Pläne, sich das Leben zu nehmen, oder haben es schon versucht, schreibt die BPtK. Flüchtlinge weisen laut Berliner Charité ein erhöhtes Risiko für Suizide und Suizidversuche auf, sagt Oberärztin Meryam Schouler-Ocak.


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