"Gießen war Sodom und Gomorrha"

LESUNG Die Lebenssituation nach 1945 im "Schanghai an der Lahn"

Alfred Kühnl stellt sein neues Buch "Schanghai an der Lahn" vor, begleitet mit Musik und Gesang von Odelia Lazar. (Foto: Hubert)

Nach der Einführung in die Ausstellung "Sedlicks Naive Welt" mit Künstler Heinz Sedlick stellte Alfred Kühnl sein Buch im Burgmannenhaus Runkel vor. Der Autor beschreibt in dem neuen Werk anhand einer Liebesgeschichte zwischen einer Halbjüdin und einem ehemaligen Soldaten die Situation der Menschen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine Geschichte, die beschreibt, wie nach der Erniedrigung in den Konzentrationslagern das Selbstvertrauen und die Lebensfreude zurückgewonnen wird. Zwischen den verschiedenen Stationen kommt immer wieder der Geist der Vergangenheit namens Tempus für weitere Erläuterungen zu Wort.

Eine bürgerliche Familie mit einem Rüstungsbetrieb wird zu den Hauptakteuren. Vater und Sohn sind beide Kriegsversehrte, auf Anfrage eines Bekannten nehmen sie zwei Flüchtlinge aus einem Lager auf. Zwischen Franz, dem Sohn der Familie und einer der geflohenen Frauen, Lea, entwickelt sich die Beziehung. Sie erzählt ihm ihre Geschichte von Leid, Missbrauch und dem Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit.

Alfred Kühnl versucht das Unbegreifbare begreifbar werden zu lassen. Er erklärt, unter welchen Umständen die Gefangenen in den Konzentrationslagern leben mussten, und wie schlecht sie behandelt wurden.

n "Zeit nicht vergessen"

"Manche Dinge können aber einfach nicht beschrieben werden. Niemand kann verstehen, wie sich Hunger anfühlt, ohne wirklich Hunger gelitten zu haben", sagt der Autor. Er möchte, dass diese Zeit nicht vergessen wird, denn sie solle jederzeit als Warnung dienen, dass sich so ein Krieg nicht wiederhole.

Dass einige Menschen die Situationen nicht verstehen, verdeutlicht der Autor in seinem Werk. In einer Szene trifft Lea zum ersten Mal nach dem Krieg wieder auf ihre Eltern. Diese waren bereits 1938 nach England ausgewandert. Beide haben keine Vorstellung davon, was Lea durchmachen musste und auch ihre Erzählungen erscheinen den Eltern unbegreiflich. Sie haben, wie die jüngere Generation heutzutage, keine Vorstellung davon, was manche erleben mussten, so Kühnl.

Die Zeit in Gießen nach dem Krieg war geprägt vom Schwarzmarkt, Prostitution und Kriminalität. Alfred Kühnl, der diese Zeit selbst in Gießen erlebt hat, beschreibt sein Buch selbst als "zart" im Vergleich zu den realen Ereignissen. "Ich habe Gießen in meiner Jugend kennengelernt und es war wie Sodom und Gomorrha." Obwohl sich die Geschehnisse aus "Schanghai an der Lahn" nicht alle in Gießen ereigneten, beruhen sie dennoch auf wahren Geschichten. Im Buch seien sie allerdings durch die "rosa-rote Brille" gesehen, so der Autor. Das Taschenbuch wird in den kommenden Wochen erscheinen und 9,95 Euro kosten.

Die Lesung wurde musikalisch begleitet von Odelia Lazar. Sie spielte Lieder der 1940er Jahre auf dem Keyboard und mit der Ziehharmonika.


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