Hessisch, komisch, harmonisch

DIE ZWEI Gerd Knebel und Henni Nachtsheim über ihr Verhältnis zueinander

Henni: Wir merken immer gleich, wie es dem anderen geht.
Gerd: Schon beim Einsteigen ins Auto merken wir das.
Henni: Man kann uns gerne liebevoll ein altes Ehepaar nennen. Obwohl es natürlich Unterschiede zu den „richtigen“ gibt. Wir haben zum Beispiel keinen Sex!
Gerd: Ich habe gerade wieder eines im Café gesehen!
Henni: Die schweigen seit zwei Jahren, stimmt’s?
Gerd: Die schweigen nicht. Sie hat immer gesagt: Ach ja! Aaachjaaa! So alle drei Minuten. Und ganz laut, bis der Kuchen aufgegessen war.
Henni: Es gibt Menschen, die füllen einen mit Energie auf, und es gibt Menschen, die zapfen Energie ab. Und dann gibt es Menschen, bei denen passiert gar nichts. Beim Gerd
ist es so, selbst wenn ich ganz müde bin und wir sind zusammen, strömt aus seinem Hirn etwas in mein Hirn. Selbst wenn wir zehn Stunden beisammen sind, ist es nie anstrengend
zwischen uns.

In Henni Nachtsheims Bungalow sitzen sie einträchtig nebeneinander. Vor Kuchen übrigens. Über Himbeer-Käse ein nostalgischer Blick zurück.

Henni: Ich wollte Sportjournalist werden. Dann hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich habe ein Konzert mit den Rodgau Monotones gespielt und am nächsten Tag musste ich einen
Zehnzeiler über das Spiel SUSGO Offenthal gegen SG Götzenhain schreiben. Als ich in die Redaktion kam, fragte mein Chef: „Wie war es?“ Ich habe gesagt: „Es waren 4000 Leute
da, die sind abgerast wie die Pest.“ Und er: „Bei SUSGO Offenthal gegen SG Götzenhain?“ Da wurde mir klar: Das Eine war ein 0:0 vor 50 Zuschauern bei Nieselregen und das Andere war der Himmel auf Erden mit 4000 Leuten. Ich habe mich dann gegen das Volontariat entschieden.
Gerd: Ich bin von der Hauptschule direkt in die Lehre, Elektriker, ein Jahr lang, dann bin ich ausgebrochen und mit meinem Pflegevater auf den Bau. Später war ich Fensterputzer.
Hauptberuflich, die Musik lief nebenher.
Henni: Zum ersten Mal habe ich Gerd mit seiner Band „Flatsch“ Anfang der 80er Jahre in Neu-Isenburg gesehen. Ich war begeistert, habe mich aber nicht getraut, ihn anzusprechen. Und dann kam ein Geburtstag, wo er auch eingeladen war. Ich hatte Liebeskummer und wollte mich besaufen, aber weil der Kollege kam, ging das ja nun nicht.
Gerd: Ich habe an dem Abend gemerkt, dass es mit Henni einen gibt, der einen ähnlichen Humor hat wie ich. Wir haben uns über die gleichen Charaktere amüsiert. Kurz danach
haben wir uns in Hennis damaliger Wohnung in einem Hochhaus in Neu-Isenburg getroffen. Wir wollten was zusammen machen, aber nur aus Spaß. Wir hatten ja unsere Bands, mit denen wir getourt sind. Unser erster Sketch hieß „Der Weihnachtsmann
und seine Frau“. Den haben wir an Weihnachten 1982 in einer Umbaupause im Frankfurter „Sinkkasten“ aufgeführt.

Heute haben sie als „Badesalz“ bis zu 80 Auftritte im Jahr. An rund 150 Tagen sehen sie sich.

Gerd: Gemeinsam haben wir die Gabe zu erkennen, wo ist das Gold in einer Nummer. Und wir haben die Geduld, dieses Gold hervorzuholen.

Henni: Ich kann Gerd etwas hinlegen, von dem ich sage: Ich weiß, das ist Schrott, aber schau mal drauf, vielleicht entdeckst du mit Glück das Durchschimmern von Edelmetall.
Gerd: Es ist allen Kollegen zu empfehlen, Texte gegenlesen zu lassen. Von mir aus von der Freundin. Das war früher auch bei mir so. Wenn sie gesagt hat: „Das ist Mist“, bin ich beleidigt aus dem Zimmer, aber nach einer Stunde kam ich wieder rein, weil ich wusste, sie hat Recht.
Henni: Das kann ich mit meiner Freundin nicht machen. Sie ist die schlechteste Lektorin der Welt. Egal was sie liest, sie sagt: „Damit kann ich nichts anfangen.“ Auf der Bühne
gefällt es ihr dann. Meistens. Gute Vorlage, um nach der Badesalz-Familie zu fragen.

Gerd: Ansonsten reden wir nicht übers Privatleben.
Henni: Damit fahren wir seit 30 Jahren gut. Aber so viel sei verraten: Wir können uns alle gut leiden, das gilt für die Familie und für unsere Freunde. Das Schöne ist, dass es uns gelungen ist, gute Freunde zu behalten und Arschlöcher auszusondern.
Gerd: Wir gehen auf Konzerte. Henni: Und wir sind Filmfans, am liebsten Serien, Fargo war ein großes Thema.

Das ist ein Krimi voller schwarzen Humors. Was macht „Badesalz“ aus? 

Henni: Den Begriff Comedy gab es nicht, als wir angefangen haben. Den habe ich über Gerds Onkel Oscar kennengelernt, der in England lebte und uns Kassetten mit Comedyformaten geschickt hat. Als wir „Och jo!“ fürs Fernsehen gedreht haben, kam der Wunsch nach einem Untertitel. Da habe ich gesagt: „Wie wäre es mit Hessisch Comedy?“ Wir sind die Dinosaurier, die diesen Begriff nach Deutschland gebracht haben.

Gerd: Ich würde uns als modernes deutsches Volkstheater bezeichnen. Was Heinz Schenk in gezähmter Form war, sind wir rauer und wüster.

„Badesalz“ schaut dem Volk aufs Maul, wobei die Realität die Satire oft rechts überholt. Keine Angst vor Lachern von der falschen Seite?

Gerd: Mit dem Begriff „Political Correctness“ kann ich nichts anfangen. Wenn Leute etwas falsch verstehen wollen, werden sie es falsch verstehen. Andere Kabarettisten bestreiten ja 40 Prozent ihres Programms mit der AfD. Das wäre uns zu einfach.
Henni: Unsere „Anthony Sabini“-Geschichte, wo sich zwei Fans auf unsägliche Weise über einen schwarzen Spieler lustig machen, habe ich live auf der Tribüne erlebt.
Gerd: Ich habe gesagt, das ist die perfekte Nummer. Der Sketch gibt der Geschichte ja den Dreh, dass Anthony Sabini in der nächsten Saison zum Verein dieser Fans wechselt. Plötzlich ist alles anders. Wenn Leute merken, dass sie einen Vorteil aus etwas ziehen,
finden sie gut, was sie vorher schlecht fanden.
Henni: Eine ähnliche Nummer ist der „Islam-Stammtisch“ auf der aktuellen Platte „Mailbox-Terror“. Da geht es um Fremdenfeindlichkeit, aber auch um Diskriminierung von Frauen. Die Kerle am Stammtisch schwafeln über den Islam, den sie auf einmal gut finden, weil sie Ruhe vor ihren Frauen hätten, die zu Hause in ihrer Burka sitzen müssten.

Wie kommt man auf so was?

Henni: Um ein neues Programm zu schreiben, fahren wir immer weg. Wir waren schon auf La Gomera, zuletzt in Portugal. Wir haben zwei Appartements, frühstücken aber gemeinsam. Anschließend sitzen vor einem leeren Blatt Papier – wir nennen das unser Comedy-Kloster.
Gerd: Bei uns geht es oft nicht so sehr um die Pointe, sondern um den Dialog. Wir haben nicht nur eine Stilistik. Eine Nummer endet mit einem Gag, eine andere Nummer ist poetisch.
Henni: Wir legen Wert auf Sprachgefühl und Rhythmik. Da profitieren wir von unseren Musikergenen. Neulich habe ich eine alte Nummer gehört: Das „Ziegenkäsegeschäft“ haben wir im Studio improvisiert und nur Mist geredet: „Christian Ziege hat ein Ziegenkäsegeschäft, das läuft gar nicht schlecht.“ Das ist fast Dada.
Gerd: In Portugal haben uns viele erkannt, aber das ist meistens nett.
Henni: Das Gute ist, dass die Leute unterschiedliche Lieblingssketche haben. Der eine schreit: „Hey Ritchie!“ Der andere ruft uns hinterher: „Abbuzze“.


Gerd: Es gibt aber auch Situationen, wo du erst gar nicht kapierst, dass du gemeint bist. Ich war mal in einem thailändischen Restaurant und auf einmal sagt ein Typ beim
Rausgehen: „Worschtsupp mag isch net!“
Henni: Eine Bekannte von mir spielt ein Mal im Monat Bridge mit Freundinnen. Sie unterhalten sich ausschließlich mit den 84 Tönen unserer Badesalz-App, von „Ach, da
is er ja, der Lambada“ über „Habbese runnergesetzte Fermewaache“ bis „Wetzlar, net vergesse, Wetzlar“.
Gerd: Ach ja.
Henni: Das klingt jetzt doch wie ein altes Ehepaar, oder?


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