"Hier kommt eh keiner lebend raus"

THEATER "Dog Eat Dog" zeigt harten Alltag in Bielerfelder Plattenbausiedlung / Heute letzte Vorstellung

Viel Gewalt, wenig Hoffnung: „Dog Eat Dog“ inszeniert den Alltag in einem Brennpunkt. (Foto: Joscha Mengel)

Bielefeld, Baumheide. Was nach ländlicher Idylle klingt, ist ein Brennpunkt. Nicht nur im Stück „Dog Eat Dog“, sondern auch in der Realität. Autor Nuran David Calis ist dort aufgewachsen, als Sohn eines armenischen Vaters und einer jüdischen Mutter, die in den 1970ern als Asylbewerber nach Deutschland kamen. Er hat als Türsteher gearbeitet, genau wie Serkan und Tom in „Dog Eat Dog“. Und genau wie Serkan traf auch er ein Mädchen, das Literatur las und ihn für die Kultur begeisterte.

Tom: Uns wird es immer wieder geben; Abfall produziert neuen Abfall

Nuran David Calis machte Abitur und ein Praktikum am Münchner Residenztheater, studierte Regie an der Otto-Falckenberg-Schule und ist heute Autor und Regisseur für Film und Theater. „Man muss nicht so sterben, wie man geboren wurde“, sagte er in einem Interview mit der „Welt“. Die Figuren in seinem Stück hingegen träumen vergeblich davon, rauszukommen aus Baumheide. Wenn sie überhaupt noch träumen.

Dass der Club als Epizentrum des Geschehens „Glashaus“ heißt, kommt nicht von ungefähr. Hier gilt: Zuschlagen, bevor der andere zuschlägt. „Was Du gibst, bekommst Du zurück?“ „Bist Du jetzt Jesus oder was!?“ Hier arbeiten Tom und Serkan. Hier schwadroniert Marco vom dicken Auto und vom großen Geld. Hier verkauft Vik Drogen und auch mal eine Knarre. Ausgerechnet an Tom.

Tom wird von Lily angemacht („Warum kriegst Du keinen Harten?“), aber er liebt heimlich schon immer Serkan. Der lernt Pola kennen, die an der Bushaltestelle Texte paukt, weil sie Schauspielerin werden will. Marco spannt Vik ihr Mädchen Ziska aus, für die er alles tun würde ( „Das reicht mir aber nicht“). Und die Situation läuft immer mehr aus dem Ruder. Gewalt erzeugt Gegengewalt und wenn es hart auf hart kommt, werden keine Gefangenen gemacht.

Pola träumt davon, den Menschen Mut zu machen, Dinge zu verändern, während sie Abend für Abend so mit dem Gürtel verprügelt wird, dass die ganze Nachbarschaft ihre Schreie hört. „Es ist eigentlich ganz einfach.“ Nein, „nichts ist einfach“, entgegnet Serkan. Er hat die Schule abgebrochen und kümmert sich um den trinkenden Vater, die Mutter ist tot. An einen Ort gehen, an dem keinen seine Geschichte interessiert, einen Ort „der absoluten Gleichgültigkeit“ – ja, er will mit Pola den Bus nehmen, dem sie jeden Abend nachsieht auf dem Weg in den Süden.

Tom hat da keine Illusionen mehr. „Uns wird es immer wieder geben.“ Abfall produziert neuen Abfall. Und etwas Besseres kommt nicht mehr als damals, auf dem Spielplatz, auf dem Spinnennetz mit Serkan, als vom höchsten Punkt zu springen und im Sand zu landen. Jetzt befinden sich alle im freien Fall. Und eine weiche Landung können sie vergessen.

Das Theaterlabor lässt junge Menschen die Bühne erobern

Das Bühnenbild ist dementsprechend. Nackter Stahl – Baugerüst, Bauzaun und Rollwagen als Requisite. Die emotionalen Brüche, die zarten Momente liefert das Ensemble überzeugend. Isabell Büchner, Tabea Eschenbrenner, Jeanine Hunold, Leonie Jasper, Oliver Mirwaldt, Moritz Nosiadek, Maja Paaschburg, Joan Schaaf, Catharina Scheidt, Pauline Schmitt und Henry Leif Solf spielen mit vollem Einsatz. Kurze Szenen wirken wie Schlaglichter – allesamt Wirkungstreffer.

Das Theaterlabor des Hessischen Landestheaters (HLTH) bietet jungen Leuten studentischen Alters die Möglichkeit, die Bühne zu erobern. Von der Entwicklung des Stücks bis hin zur Aufführung. Lisa-Marie Gerl und Victoria Schmidt, Schauspielerinnen am HLTH, führen Regie bei „Dog Eat Dog“, für die Dramaturgie zeichnet Franz Burkhard verantwortlich.

Das Stück wird am heutigen Mittwoch, 17. Mai, zum letzten Mal aufgeführt. Beginn ist um 19.30 Uhr auf der Bühne Am Schwanhof 68-72. Der Eintritt kostet 13 Euro, ermäßigt 7 Euro.


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