"Ich hinterfrage mich immer"

ROLLSTUHLBASKETBALL Lahn-Dill-Coach Nicolai Zeltinger über Kritik und Topspiel

Gibt weiter die Richtung vor - sowohl beim heimischen RSV Lahn-Dill als auch der deutschen Herren-Nationalmannschaft: der erfahrene Coach Nicolai Zeltinger. (Foto: K. Weber)

"Das sind die Duelle für die wir beinahe das gesamte Jahr hart arbeiten", sagt RSV-Chefcoach Nicolai Zeltinger. Der 45-Jährige hat mit seinem Team einen optimalen Start hingelegt: fünf Spiele, fünf Siege. Nun folgt das erste Gipfeltreffen.

Seit Ende vergangener Woche ist auch klar, dass Zeltinger Herren-Bundestrainer bleibt. Erstmals in seiner Amtszeit beim Verband gab es in den vergangenen Wochen zum Teil harscher Kritik an Zeltinger .

Wie erleichtert sind Sie über das Vertrauen des Verbandes?

Nicolai Zeltinger: Da ich das mit großer Leidenschaft mache und auch glaube, meine Aufgabe nicht so schlecht erledigt zu haben, bin ich natürlich heilfroh, dass ich die Arbeit fortsetzen darf. Ich hätte es verstanden, wenn der Verband etwas anders vorgehabt hätte und hatte das auch so kommuniziert. Aber der Verband wollte explizit mit mir weitermachen und hat mir das Vertrauen in einer Sondersitzung beim DBS (Deutscher Behinderten Verband, Anm. d. Red.) in Frechen ausgesprochen. Ich sehe die Tätigkeit als Bundestrainer als Arbeit für den Rollstuhlbasketball und für Deutschland. Der Verantwortung bin ich mir bewusst, und da ich glaube, der Sportart noch viel geben zu können, mache ich den Job gerne weiter.

Hat Sie die Wucht der Kritik gerade an Ihrer Person im Nachgang überrascht?

Zeltinger: Als Trainer ist man darauf vorbereitet. Es gab harsche Kritik aus relativ klaren Richtungen. Das konnte ich einordnen. Wir wussten schon, wo das herkommt. Es gab von anderen Seiten aber auch Zuspruch.

In der Welt des Rollstuhlbasketballs war diese Form der Kritik aber neu ...

Zeltinger: Wir bewegen uns mehr und mehr hinein in die Professionalität. Da gehört das dazu. Mit sachlicher Kritik habe ich kein Problem. Ganz im Gegenteil. Intern unterscheiden wir, was berechtigte Kritik ist und was emotional geäußert worden ist.

Wie gehen Sie mit folgender Äußerung von Peter Schadt, einem ehemaligen Nationalspieler und Ex-Trainer des USC München, um? Schadt sagte: "Das ist keine Mannschaft. Die spielt kein System, oder das System ist so kompliziert, dass es außer Zeltinger keiner versteht."

Zeltinger: Ich weiß nicht genau, was er damit meint. Die komplette Vorbereitung haben wir mit diesem System gespielt - und auch gut gespielt. Von daher lag es in Rio sicherlich nicht daran. Und jeder weiß, dass ich ein System auch immer gemeinsam mit den Spielern entwickele und dem Team nicht einfach etwas überstülpe.

Hatten Sie persönlich an einen Rückzug gedacht?

Zeltinger: Ich hinterfrage mich immer. Ich kam aber zu der Erkenntnis, dass wir die Mannschaft in eine Situation gebracht hatten, in der sie den Erfolg hätte einfahren können. Und da das Vertrauen seitens der Mannschaft und des Verbands da ist, mache ich gerne weiter.

Nun machen wir einen Schnitt. Weg vom Nationalteam hin zum RSV Lahn-Dill. Wie sehr hat es den Vereinscoach Nicolai Zeltinger überrascht, dass der RSV nach den Paralympics so schnell in die Spur gefunden hat?

Zeltinger: Ganz ehrlich: Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass es so schnell schon so gut geht. Wobei der größte Gradmesser jetzt am Sonntag mit Thüringen kommt. Die sind definitiv eingespielt, und da wird sich zeigen, wie weit wir wirklich schon sind.

Team Thüringen hat Ihrer Mannschaft in der vergangenen Saison mächtig zugesetzt. Befürchten Sie, dass das eine Blockade beim RSV auslösen könnte?

Zeltinger: Nein. Ich denke, dass psychologisch der Vorteil auf unserer Seite liegt, weil wir aus diesen Niederlagen brutal viel Energie geschöpft und eine große Motivation haben, uns zu revanchieren. Wir sind in einer guten Position.

Wie stark schätzen Sie die Thüringer in dieser Saison ein?

Zeltinger: Aliaksandr Halouski und Joakim Linden spielen momentan auf einem extrem hohen Niveau. Bei André Bienek wissen wir auch, was er in so wichtigen Partien bringen kann. Für uns wird es spannend, wie wir mit den vielen Guards und deren Geschwindigkeit umgehen werden. Sie werden uns mit Sicherheit pressen wollen. Auch darauf brauchen wir Antworten. Wir müssen ihre Distanzschützen in den Griff bekommen und trotzdem das Inside-Spiel verhindern. Zum Abschätzen ist es momentan echt schwer. Es ist eine offene Angelegenheit.

Ist es angesichts der Klasse der BG Baskets Hamburg in diesem Jahr noch wichtiger, die Hauptrunde als Tabellenerster zu beenden, um in den Playoffs den Hamburgern aus dem Weg zu gehen, weil der Tabellenvierte sicherlich nicht so stark sein wird?

Zeltinger: Das ist eine gute Frage. Ein schweres Halbfinale ist nicht unbedingt von Nachteil. Wenn ein Motor, der im März/April auf Hochtouren laufen muss, zwischendurch mal zwei Gänge zurückschalten kann, ist das vielleicht nicht gut. Von daher wäre es nicht dramatisch, Zweiter zu werden. Aber wir wollen natürlich immer gewinnen. Und es ist auch ein Zeichen an die Konkurrenz, nach der Hauptrunde ganz vorne zu stehen.


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