"Ich wollte eigentlich ins Jahr 2077 - ist wohl schiefgegangen"

LESEPROJEKT Schülerin der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg schreibt für das Zeitungsprojekt "Klasse!" eine Kurzgeschichte

Sonntagskleid: Oranienschülerin.

Zeitreise: Oranienschülerin.

Historisch: Oranienschüler.

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Überall hatte sich herumgesprochen, welch ein prächtiges Fest es in diesem Sommer wieder bei Familie Hohenstein geben würde.Das alljährliche Sommerfest mit den schönsten Blumengirlanden, erlesenem Wein und Speisen und hoch angesehenen Gästen. Als ich ein kleines Mädchen war, schlich ich mich oft nah an das große Haus der Hohensteins und beobachtete von dem alten Kirschbaum aus die Menschen im Garten.

Die edelsten und aufwändig hergestelltesten Kleider hatten die Damen getragen. Früher träumte ich auch immer davon, einmal so gekleidet sein zu dürfen. Doch ehe ich meine Tagträumerei beenden konnte, stand plötzlich jemand neben mir. Ich hatte diese Person noch nie zuvor gesehen. Moment mal! Welch seltsame Kleidung trug sie nur? War das etwa die neueste Mode? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Wer trug schon als junge Frau solch enge Beinkleider und dann auch noch zerschlissen? Sie schien ein klein wenig irritiert, als sie die völlig normale Umgebung skeptisch musterte.

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"Ähm hi, kannst du mir mal dein Smartphone leihen? Ich glaube, ich habe mich ein bisschen verlaufen. Hast du vielleicht Google Maps?" Mir blieb der Mund offen stehen. Mit schiefgelegtem Kopf sah ich mir die Fremde genauer an und fragte schließlich: "Was bitte ist Ihr Begehren?" Sie starrte mich mit denselben weit aufgerissenen Augen an. "Warte mal, ich checke gerade gar nichts mehr. Wo bin ich hier überhaupt und welches Jahr haben wir?", fragte die Fremde entgeistert. Welchen Unsinn sprach sie bloß? Hatte sie etwa zu viel Wein getrunken? Diese Ausdrucksweise war mir derart fremd. "Das ist Braunfels und wir schreiben das Jahr 1733. Woher stammst du, Fremde?" Erschrocken rief das junge Mädchen: "Was? 1733? Nie im Leben, kannst du mal Klartext reden?"

"Dürfte ich Ihnen Braunfels vorstellen?"

Nach sekundenlangem Schweigen sagte sie unsicher: "Ich wollte eigentlich ins Jahr 2077, ist wohl ein bisschen schiefgegangen." "Dürfte ich Ihnen Braunfels vorstellen? Ihr könntet mich begleiten und wir sehen uns das Sommerfest der Hohensteins am Stadtrand an." Das junge Mädchen sah mich etwas fragend an, doch folgte mir schließlich.

Obwohl ich dafür schon zu alt sein mochte, kletterte ich mit der Fremden auf den Kirschbaum und wir sahen zu, wie die ersten Gäste eintrafen und sich in Gruppen auf der großen, liebevoll gepflegten Grünfläche verteilten. Die Musik begann zu spielen und die Menschen zu tanzen. Ihr schallendes Gelächter machte mich neidisch, doch der Fremden schien es zu gefallen. "Hey, hast du nicht mal Lust mit mir in meine Zeit zu kommen und ich zeige dir was eine richtige Sommerparty ist? Da geht die Post ab!" "Wie bitte, ich verstehe nicht ganz recht…", doch da griff das Mädchen schon zu meiner Hand, kniff die Augen zusammen und es wurde mir leicht schwarz vor Augen. Plötzlich rauschte um uns etwas, mal lauter, mal leiser. Ich öffnete die Augen und erschrak. Auch die Fremde riss die Augen auf.

"Das ist nicht meine Zeit! Wo zum Teufel sind wir gelandet?" Um uns herum gab es nur riesige Gebäude aus Glas und seltsame, runde Truhen auf drei Rädern. Mein Herz schlug so schnell, wie ich es noch nie empfunden hatte und mit dem kleinen Stofftuch entfernte ich die Schweißperlen an der Stirn. Sofort stand die Fremde auf und half mir hoch. Jetzt war mir alles fremd! Panische Angst stieg in mir auf, während sie einfach vorbeilaufende Menschen nach dem Jahr fragte.

Eine Sommerparty in der Zukunft

"Na 2077." Die nächsten beiden Personen antworteten dasselbe. "Ja! Ich habe es geschafft! Ich bin in die Zukunft gereist, ich bin ein Genie!", schrie die Fremde. Was war nur in sie gefahren? Eindeutig hatte sie zu viel Wein getrunken. "Hey ihr beiden Papageien! Wo kommt ihr denn her? Kostümverleih?", schmunzelte ein Passant.

Ich sah an meinem besten Sonntagskleid hinunter und ärgerte mich ein wenig, wie er es wagen konnte, über uns zu lachen. "Das wird mir echt zu viel! Lass’ uns mal was trinken gehen", schlug die Fremde vor. Langsam konnte ich mich an ihre außergewöhnliche Ausdrucksweise gewöhnen. "Hey, guck mal da! Sommerparty heute um 18 Uhr", las das Mädchen begeistert vor. "Eine Sommerparty in der Zukunft, das wird mir meine Clique echt nie glauben!" Meinen fragenden Blick beachtete sie keineswegs. Wir betraten den "Club" und sahen auch schon die ausgefallenen Gewänder der Gäste. Das sollte ein Sommerfest sein? Welch unpassende Kleidung! Doch die Menschen sahen uns mit demselben skeptischen Blick an, wie wir sie musterten. Sie trugen enge, sehr kurze und zerschlissene Kleider. Das Kostüm eines jungen Herrn ähnelte einem Dinosaurier, ein anderer trug einen ausgefallenen Helm mit langen Stäben daran.

Die unglaublich laute und nicht meinem Stil entsprechende Musik störte mich sehr. Hier und da schwankten ein paar Menschen, die wohl auch zu viel Wein getrunken hatten. Welch außergewöhnliche Gesellschaft war das nur? Die Fremde schien sich gut zu amüsieren, doch ich wollte diese Räumlichkeit nur schnellstmöglich verlassen. Wie ein ungezogenes Kind musste ich sie aus der Menge zerren und stellte sie zur Rede: "Fremde, wo sind wir und wie und wann kommen wir zurück nach Hause?" Grinsend sah sie mich an und schrie: "Gar nicht! Hier bleibe ich, diese Stimmung ist einfach nur geil!" "Sie werden mich sofort zurück bringen! Und zwar auf der Stelle! Das ist ein Befehl!", rief ich verzweifelt. "Na gut, du Spaßbremse. Mit dir ist ja echt nix los! Bin gleich wieder da."

Mit genervtem Blick betrat sie erneut den "Club" und kam mit dem seltsamen Helm herausgerannt. Schnell griff sie nach meiner Hand und sagte: "War echt cool mit dir, sollten wir wiederholen. Bis nächstes Mal!" Und im Nu stand ich wieder auf meinem gewohnten Marktplatz. Ohne die Fremde. Doch es fühlte sich seltsam an ohne sie, so still und normal. Dieses Abenteuer war nun mein Geheimnis. Hoffentlich war die Fremde gut in ihrer Zeit angekommen. Wobei es mir für immer ein Rätsel bleiben würde, wie sich die heutigen Ereignisse hatten zutragen können.

- Projektbeitrag zum Fotowettbewerb "Zeitungen machen Leute" der Klasse 8C der Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg.


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