Kommt der große Ansturm?

SERIE Rechtsanspruch auf U3-Betreuung ab 2013: Wie sich Dillenburg vorbereitet

Fühlen sich in ihrer Kinderkrippe in Frohnhausen pudelwohl: Maja und Lukas Kessler. Das Familienzentrum in dem Dillenburger Stadtteil gehört derzeit zu den modernsten Einrichtungen in der Region, die auch einen Schwerpunkt in der U3-Betreuung hat. Doch schon jetzt sind praktisch alle Plätze belegt, einige neue sollen bald hinzukommen. (Foto: Gemmer)

Kommt dann der große Ansturm? Wird es in Dillenburg genügend Betreuungsplätze geben - oder muss die Stadt viele Eltern faktisch ausbezahlen? Fragen, auf die Thomas Reichmann und Martina Lehmann von der Stadtverwaltung noch keine richtige Antwort haben. Sie hoffen, dass die vorhandenen Plätze ausreichen werden und ein plötzlicher Ansturm ausbleibt.

"Eine Betreuung von Kindern unter drei Jahren ist wichtig, aber irgendwie werden die Kommunen finanziell schlecht ausgestattet", sagt Reichmann, der für die städtischen Kindergärten zuständig ist. Verstehen kann man ihn: Als die Bundesregierung den Anspruch auf einen U3-Platz gesetzlich regelte, war in den Städten und Gemeinden nicht klar, wie man das überhaupt umsetzen sollte. Denn laut Gesetz muss nun eine Kommune jedes Kind aufnehmen, dass einen Krippenplatz beansprucht. Eine kaum zu lösende Aufgabe.

Auch in Dillenburg ist das unmöglich. Zum Stichtag 1. August 2013 können maximal 35 Prozent aller Kinder - das sind rund 230 Jungen und Mädchen - im Stadtgebiet unter drei Jahren in Krippen oder in der Tagespflege aufgenommen werden. Das ist zwar besser als der geplante Bundesdurchschnitt, doch unklar ist, ob sich auch die Eltern an dieses Richtmaß halten werden.

"Wenn es mehr werden, müssten wir schauen. Eine Möglichkeit wären vielleicht Container, in denen Kinder betreut werden könnten", sagt Martina Lehmann, pädagogische Fachberaterin der Stadt Dillenburg. Auch in den Kindertagesstätten müsste bei einem großen Ansturm umgebaut werden, um kurzfristig noch einige Plätze zu schaffen.

Doch an dieses "Worst-Case-Szenario" will man eigentlich nicht so gerne denken. "Ich glaube, dass wir gut vorbereitet sind", sagt Reichmann. Seit 2008 habe die Stadt stetig weitere Krippenplätze eingerichtet, nur in der Kernstadt sei es schwierig, einen Betreuungsplatz zu finden. An den vorhandenen Standorten sind Erweiterungen nicht möglich. "Es wird wahrscheinlich eine Umverteilung stattfinden", sagt Reichwein. Auf den Dörfern seien mehr Kapazitäten frei. Nachteil: Eltern aus der Kernstadt müssten ihre Kinder in die Stadtteile fahren.

Matthias Jung ist der Leiter der aktuell modernsten Kindertagesstätte im Lahn-Dill-Kreis. Er führt das Familienzentrum der Evangelischen Kirche in Frohnhausen, das im September bezogen wurde und 3,7 Millionen Euro gekostet hat. Dort in dem Dillenburger Stadtteil nimmt die U3-Betreuung einen großen Stellenwert ein. 30 Kinder unter drei Jahren werden in drei Gruppen betreut.

"Eigentlich braucht man für eine U3-Betreuung gar keine besonderen Ausstattungen", sagt Jung. "Manche Leute denken, die Gruppenräume müssten mit Spielzeug übersäht sein, aber so ist es nicht. Besonders kleine Kinder spielen gerne mit Alltagsgegenständen."

In der Ausbildung wird zu wenig auf die U3-Betreuung eingegangen

Die Möbel sind natürlich auf die Größe der Kinder zugeschnitten und auch die Toiletten sind ganz auf die Bedürfnisse der Kleinen ausgerichtet. Wichtig sei jedoch, so Jung, die Einteilung der Räume. "Kleine Kinder brauchen eine vertraute Umgebung." Deshalb seien die Waschräume direkt an die Gruppenräume angebaut, der Schlafraum individuell für jede Gruppe ausgestattet. Auch auf dem Außengelände müssten die U3-Kinder einen eigenen Abschnitt bekommen: "Die werden sonst von den großen Kindern überrannt."

Trotzdem will man im Familienzentrum Frohnhausen sicherstellen, dass die Kleinkinder nicht ganz abgeschottet werden. "Wir wollen schon, dass es einen Austausch gibt", sagt Matthias Jung. Ihm ist vor allem wichtig, dass die Erzieherinnen und Erzieher gut geschult sind. "Für eine moderne U3-Betreuung sind viele Erzieher nicht richtig geeignet. In der Ausbildung wird zu wenig auf die U3-Betreuung eingegangen. Deshalb schulen wir unsere Mitarbeiter noch mal, um sie auf diese besondere Aufgabe vorzubereiten." Denn Kinder würden in dem Alter am meisten lernen und die Erzieher müssten darauf eingestellt und vorbereitet sein. Bereits jetzt sind die U3-Plätze in Frohnhausen ausgebucht. Kurzfristig wolle man jedoch noch einige wenige Plätze schaffen.

Wenn Krippen aus den Nähten platzen, wird die Tagespflege immer wichtiger. Das wird bis . August 2013 und darüber hinaus auch in Dillenburg so sein. Dann werden rund 70 Kinder bei Tagesmüttern oder -vätern betreut. Doch das reicht langfristig nicht aus.

"Wir müssen dafür Werbung machen", sagt Martina Lehmann. Deshalb will man in nächster Zeit Veranstaltungen organisieren, um über den Beruf der Tagesmutter zu informieren. Gleichzeitig soll eine zentrale Anlaufstelle für potenzielle Tagesmütter eingerichtet werden - gemeinsam mit den anderen Kommunen im ehemaligen Dillkreis. Nur mittels mehr Tagespflege könne die U3-Betreuung in der Stadt gesichert werden. Dabei müsse man darüber nachdenken, ob die Stadt dafür geeignete Wohnungen zur Verfügung stelle. Nur wenige Tageseltern könnten die Betreuung in den eigenen vier Wänden stemmen, sagt Reichmann.

Dass die Kinder-Betreuung einen immer höheren Stellenwert einnimmt, belegen in Dillenburg folgende Zahlen: Gab die Stadt 2002 dafür noch rund 2,3 Millionen Euro aus, so werden es im kommenden Jahr voraussichtlich rund fünf Millionen Euro sein - Tendenz steigend.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2012
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet