Kunst vermittelt Botschaften

Sabine Azizi zur Symbolik und Formensprache in der alten und modernen Kunst . Foto: privat

Dillenburg/Herborn (hjb). Zum Auftakt des Reformationsjubiläums hat Diplom-Designerin Sabine Azizi aus Dillenburg mit ihrem Vortrag "Bibel und Kunst" in die Symbolik der Kunstgeschichte eingeführt. Anhand biblischer Bilder aus verschiedenen Epochen hat sie den interessierten Zuhörern am Donnerstagabend im Sitzungszimmer des Evangelischen Dekanats an der Dill in Herborn unterschiedliche Beispiele zur Motivaufteilung, Symbolik und Zahlendeutung erläutert. Seit vielen Jahrhunderten offenbaren Künstler auf der ganzen Welt ihre Interpretationen von biblischen Geschichten in verschiedensten Kunstwerken. Bevor der Buchdruck biblische Texte für alle lesbar machte, war es an der Kunst, biblische Botschaften zu verbreiten. Die Art der jeweiligen Darstellung verrate immer auch etwas über die Sicht des Künstlers und die Einflüsse der jeweiligen Epoche.

Am Vortragsabend stellte Sabine Azizi den Sündenfall im Paradies als leitführendes Beispiel vor: Adam und Evas Griff zur verbotenen Frucht am Baum der Erkenntnis im Paradies haben viele Künstler und Maler ganz unterschiedlich interpretiert. Jede Farbe, jede Formen und sogar einzelne Tier- oder Pflanzen-Motive haben eine gewisse Bedeutung, die sich den Menschen in vorreformatorischer Zeit erschloss.

Ob Wand-Fresko, Öl-Leinwand oder schlichte Skizze - die Motive ähneln sich und übernehmen so gewisse Traditionen - und doch interpretieren die Künstler die biblische Geschichte aus ihrer Sicht in der jeweiligen Epoche. So variieren die Hintergründe und Landschaften, die Gesichtsausdrücke und die Arten der Darstellung - je nach Zeitgeschmack. Das war in der Romantik anders als im Barock.

Die Gegenüberstellung verschiedener Epochen ist eindrücklich: Bei Lukas Cranach, dem Älteren (1530) wächst der Stammbaum Jesu als neutestamentliche Verheißung schon mit im Paradies neben dem Baum der Erkenntnis. In Gemälden flämischer Meister wird Adam und Eva als unzertrennliches Paar dargestellt. Oft werden sie durch den Baum der Erkenntnis getrennt dargestellt.

Bertold Furtmayer verzichtet 1481 ganz auf die Darstellung des Adams: Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis sind in einem dargestellt als Weltenbaum. Die Botschaft ist klar strukturiert: Auf linken Seite finden sich viele Motive des Lebens und der Erlösung durch Jesus Christus. Es zeigt Kreuz, Maria, Engel und die Früchte des Baumes sind Hostien. Und es zeigt die Gnade für Eva. Auf der anderen Seite ist der Tod dargestellt: Der Sündenfall und die verbotene Frucht stehen direkt neben dem Totenkopf, als Zeichen für die Vergänglichkeit und der Teufel für das Böse. Auch Pflanzen oder Tiere stehen für gewisse Botschaften. Bekannt ist der Pelikan, der seine Jungen mit dem eigenen Blut füttert oder Blumen wie die Lilie. In vielen Paradies-Bildern kommt ein Hirsch vor, der für die nach Erlösung lechzende Schöpfung steht. Dunkle Farben stehen für das Böse und Schwere, helle Farben für das Leben und den Himmel. Die Farben Gelb, Gold oder Weiss stehen für Gott selbst.

Die Reise durch unterschiedliche Kunst-Epochen endete schließlich in der modernen Kunst, wo zwar auf die Farben- und Formensymbolik der "alten Meister" zurückgegriffen wird - allerdings sind die meist großformatigen Motive auf Formen und Flächen abstrakt reduziert. So stellte Sabine Azizi das "Paradies" von Wassily Kandinsky (1911/1912) vor: Bunte Aquarell- und Tuscheklekse, die sich aber streng an die Farben- und Formenmuster alter Meister anlehnt.

Als Höhepunkt präsentierte Sabine Azizi zum Abschluss ein Kunstwerk von Rupprecht Geiger aus dem Jahre 1972, dass in Air-Brush-Technik einen weißen Kreis auf einer grauen Fläche mit einem gelben Lichtstrahl zeigt: Die Farbfeldmalerei zeigt Gott als Kreis. Der Kreis stehe für die Vollendung, die weiße Farbe und das gelbe Licht für Gott, den Schöpfer. "Wer länger vor dem großformatigen Bild verweile, erlebe die Tiefe zum Raum hin. Die Farbe beginne zu leuchten. Es ist ein mystisches Bild, das schlicht zum Nachdenken und Meditieren einlade", sagte Sabine Azizi. Das Reformationsjubiläum 2017 beginnt im Dekanat an der Dill schon in diesem Jahr. Angeboten werden Vorträge und Veranstaltungen zum 500. Reformationsjubiläum. Das Programm liegt im "Haus der Kirche und Diakonie", im Evangelischen Dekanat an der Dill (1. OG), Am Hintersand 15, in 35745 Herborn aus.


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