Marburger Stadtwerke erzielen Kundenrekord

WIRTSCHAFT  „Aufstörungseffekt“ durch die Eon-Preiserhöhung / Umstellung auf „intelligente Stromzähler“ läuft derzeit an

Der „Solaracker“ in Gisselberg ist mittlerweile fertig bestückt und eingezäunt. Die Stadtwerke Marburg werden die Anlage mit ihren gut 10600 Solarmodulen in Kürze übernehmen. (Foto: Richter)

Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Schüren­ spricht von einer Erfolgsgeschichte: Knapp 20 Jahre nach der Liberalisierung des Strommarkts in 1998 hätten die Stadtwerke so viele Stromkunden, wie noch nie zuvor. „Und das, obwohl erstmals mehr als 200 Konkurrenzanbieter in unserem Netz aktiv sind“, so Schüren. Von den 58 000 Kunden befinden sich 34 000 im eigenen Netzgebiet. Zwar habe man in den vergangenen Jahren auch Vertriebskunden verloren. „Das hält sich aber sehr in Grenzen. Es gibt offensichtlich eine hohe Verbundenheit der Marburger mit ihren Stadtwerken. Denn wir haben weniger verloren als andere Anbieter.“

Profitiert habe man auch von der Strompreiserhöhung des Anbieters Eon im Sommer. „Hunderte Kunden sind danach zu uns gewechselt“, sagt Schüren, eine konkrete Zahl möchte er aber nicht nennen. Der Konzern war verpflichtet, den Kunden die Preiserhöhung mitzuteilen – „eine Preiserhöhung verbittert die Kunden häufig, und so wechseln sie“, weiß Schüren. Briefe vom Versorger – egal welchen Inhalts – hätten einen sogenannten „Aufstörungseffekt“. Das könne erstaunlicherweise auch bei der Ankündigung von Preissenkungen dazu führen, dass Kunden kündigten.

Der Stadtwerke-Geschäftsführer ist indes mit der Kundenentwicklung zufrieden. Vor allem nach dem Atomreaktorunglück in Fukushima hätten sich die Kunden noch bewusster für die Stadtwerke entschieden, „weil sie wissen, dass wir seit 2009 einen strikten Anti-AKW-Kurs fahren“, so Schüren.

Ein größerer Kundenstamm bedeutet für den Versorger auch eine höhere Verantwortung

Von 2014 bis 2017 konnten die Stadtwerke ihre Vertriebskunden von knapp 46 500 auf jetzt 58 000 steigern – das entspricht einem Zuwachs von ­nahezu 25 Prozent. Neben dem konsequenten Ökostrom-Angebot seien laut Schüren dafür auch die lokale Präsenz und Ansprechpartner direkt vor Ort verantwortlich – „damit heben sich die Stadtwerke Marburg von vielen Wettbewerbern ab“.

Ein größerer Kundenstamm bedeutet aber für den kommunalen Versorger auch eine höhere Verantwortung – vor allem vor den Herausforderungen, die die Zukunft bringen.

So sollen sämtliche Stromzähler in den kommenden Jahren mit sogenannten „Smart Metern“, also intelligenten Stromzählern ausgetauscht werden, „daran führt kein Weg vorbei, weil es gesetzliche Vorschriften gibt“, erläutert Norbert Schüren. Die intelligenten Zähler können beispielsweise den jährlichen Verbrauch an den Versorger melden, weiterhin kann der Versorger auch eine zum Beispiel monatliche Rechnungsstellung gemäß dem tatsächlichen Verbrauch vornehmen und Tarifänderungen schneller berücksichtigen.

Der Kunde könnte durch intelligenten Stromverbrauch, zum Beispiel durch Verschiebung von stromintensiven Leistungen wie Wäsche waschen in Nebenzeiten mit günstigeren Tarifen, finanzielle Vorteile erhalten – so die Theorie. Die Zähler würden sukzessive getauscht, im kommenden Jahr sollen die ersten zehn Prozent der Kunden im eigenen Netz die neuen Zähler erhalten. Neue Tarifmodelle gibt es derzeit aber noch nicht – „die werden später marktnah definiert“.

In puncto selbst erzeugten regenerativen Stroms wollen die Stadtwerke weiter aktiv sein. Die eigenen Windkraftprojekte am Wollenberg in Wetter und am „Lichten Küppel“ in Marburg waren für die Stadtwerke mit Verlust behaftet. „Wir sind bei Windkraftanlagen ein gebranntes Kind“, gibt Schüren zu. Dennoch stehe man in Verhandlungen mit dem Betreiber eines Windparks im Südkreis.

„Wir werden versuchen, in jeder Form der erneuerbaren Energieerzeugung lukrative Formen der Beteiligungen zu finden“, sagt Schüren. So stehe demnächst die Übernahme des Fotovoltaik-Felds in Gisselberg an. Das hatte das Unternehmen „Volllast“ errichtet – die 10 680 Solarmodule sollen jährlich rund 2,6 Gigawattstunden Strom erzeugen, ausreichend für 800 Haushalte.

Das Gaskraftwerk am Ortenberg wird derzeit technisch modernisiert, erklärt Geschäftsführer Norbert Schüren

Die Turbinen der eigenen Wasserkraftanlagen sollen erneuert werden – und auch das Gaskraftwerk am Ortenberg wird derzeit technisch modernisiert. Zudem sei die Biogasanlage der Kompostierungsanlage in Cyriaxweimar ein Erfolg.

Stadtwerke Geschäftsführer Norbert Schüren blickt auch weiterhin positiv in die Zukunft. „Kommenden Herausforderungen wie die Digitalisierung der Energiewende, der Ausbau der Elektromobilität oder die Dezentralisierung der Energieversorgung, von denen alle Versorgungsunternehmen gefordert werden, stellen wir uns gerne“, sagt er. Man trete als kommunales Unternehmen „auch weiterhin mit unserer Unternehmensphilosophie ,kommunal handeln, regional wirtschaften und global denken‘ in den Wettbewerb“.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet