Mehr Kinder leben mit Hartz IV

STUDIE Bertelsmann Stiftung warnt vor wachsender Kinderarmut

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf leben fast 4000 Kinder (Stand: 2015) in Familien, die Hartz IV beziehen. Das sind 10,1 Prozent aller Heranwachsenden. Und 117 Kinder mehr als noch 2011. Im Bundesdurchschnitt sind die Zahlen noch drastischer. Trotz guter Beschäftigungszahlen wuchsen 2015 fast zwei Millionen Kinder unter 18 Jahren in Familien auf, die Hartz IV beziehen. Das sind rund 52 000 mehr als 2011.

Stiftung: Arme Kinder sind häufiger sozial isoliert und gesundheitlich beeinträchtigt

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Betroffen sind vor allem Kinder in zwei Familienkonstellationen: Familien mit drei oder mehr Kindern sowie Ein-Eltern-Familien. 50,2 Prozent der in staatlicher Grundsicherung lebenden Kinder wachsen bei einem alleinerziehenden Vater oder einer alleinerziehenden Mutter auf; 36 Prozent in Familien mit drei und mehr Kindern. Und: Für viele Kinder ist Armut ein Dauerzustand.

"Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben", sagt Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Da Kinder in Armut ihre Lebenssituation nicht selbst ändern können, sieht Dräger den Staat in einer besonderen Verantwortung. Denn Einkommensarmut habe Folgen für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Laut Bertelsmann Stiftung sind die Folgen für die Entwicklung eines Kindes um so negativer, je länger es in Armut lebt. Verglichen mit Kindern aus Familien mit einem geregelten Einkommen seien arme Kinder häufiger sozial isoliert und gesundheitlich beeinträchtigt.

Hessen landet im deutschlandweiten Vergleich der Bertelsmann-Studie mit einer Kinderarmutsquote von 14,4 Prozent auf Platz 3. Nur in Bayern (6,8) und Baden-Württemberg (8,0) leben weniger Kinder von staatlicher Grundsicherung. In Berlin dagegen ist es fast jedes dritte Kind.

Im Vergleich mit den benachbarten Landkreisen im Regierungsbezirk Gießen steht Marburg-Biedenkopf gut da. Nur im Vogelsbergkreis wachsen anteilig weniger Kinder in Armut auf. Ausgerechnet jener als strukturschwach geltende Kreis ist zudem der einzige Mittelhessens, in dem die Kinderarmut von 2011 bis 2015 sank.

Die Zahlen basieren auf Berechnungen der Bertelsmann Stiftung auf der Grundlage von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Die Bertelsmann-Studie ist umstritten. Kritiker monieren beispielsweise, dass der Bezug von Sozialleistungen allein kein aussagekräftiger Indikator für Armut sei. Auch die Bundesregierung definiert Kinderarmut anhand anderer Kriterien.

In der vergangenen Woche sind Zahlen aus dem neuen Armuts- und Reichtumsbericht durchgesickert, der derzeit von der Bundesregierung abgestimmt und wahrscheinlich im Frühjahr 2017 veröffentlicht wird. Demnach litten nur etwa fünf Prozent der Kinder in Deutschland materielle Not. Allerdings sehe die Bundesregierung bei jedem fünften Kind das Risiko von Armut.

Das von der Bertelsmann Stiftung berechnete Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland liegt dazwischen: bei 14,7 Prozent.


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