Mit 30 Gramm Gras gehts in den Urlaub

Serien-Teil 1: Drogen im Hinterland
Marihuana rauchen schon am Nachmittag - ein paar Jahre ging das so. "Ich war süchtig", sagt Max im Nachhinein. (Fotos: A
Marihuana rauchen schon am Nachmittag - ein paar Jahre ging das so. "Ich war süchtig", sagt Max im Nachhinein. (Fotos: Archiv)
Man kann mit seinen Freunden andere Dinge tun, die riesig Spaß und nicht lethargisch machen, sagt Max heute - zum Beispi
Man kann mit seinen Freunden andere Dinge tun, die riesig Spaß und nicht lethargisch machen, sagt Max heute - zum Beispiel mit dem Rad die Berge runtersausen, wie dieser Mountainbiker. Das ist sein jüngstes Hobby. (Foto: Hase/dpa)
Mit der Uni wird alles anders.
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Der junge Mann ist groß, eine Statur wie Manuel Neuer, sportlich, schon immer gewesen, wie die Eltern auch. Er spielt Fußball, erste Mannschaft in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist und immer noch wohnt. Im Winter läuft er Ski, neuerdings fährt er mit dem Mountainbike die Berge runter. "Super Sache, macht tierisch Spaß", sagt er. Max lebt in einer WG mit zwei Freunden - es sind die gleichen, mit denen er zum ersten Mal mit Drogen erwischt wurde, damals mit 17 oder so, im Urlaub. Mehrere Familien waren zusammen in Südfrankreich. Das ist gut für alle, so die Idee, die Kinder können etwas zusammen unternehmen, und Eltern kommen so auch zur ihrem Urlaubsrecht.

Nach dem Blackout am Pool sitzen die Eltern mit ernster Miene am Bett

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Die "Kinder" hatten 30 Gramm Marihuana für die zwei Wochen im Gepäck: "Das war schon exzessiv, wie wir uns von morgens bis abends der elterlichen Aufsicht entzogen und gekifft haben", sagt Max. Die Eltern merken nichts, bis zum letzten Tag. "Da hatten wir die Nacht durchgemacht. Ich hab mich am Pool hingelegt und bin irgendwann im Bett aufgewacht." Mutter und Vater sitzen auf der Bettkante, mit ernster Miene, "dann fingen die Gespräche an und so weiter". Beeindruckt hat ihn das wenig: "Ich hab weiter gemacht, was ich wollte. Vom Kiffen abgehalten hat mich das höchstens kurzzeitig."

Mit dem Trinken und Rauchen hat Max in jungen Jahren auf Partys angefangen. Den ersten Kontakt mit illegalen Drogen hat er im Urlaub, mit 15 zieht er an einem Joint, der rumgereicht wird. "Wenn es zu Hause in meinem Umfeld danach nicht aufgekommen wäre, wär es vielleicht bei dem einem Mal geblieben", sagt er rückblickend. Ist es aber nicht. Ab 16 ist er "offiziell" Raucher, zündet sich die Selbstgedrehten auch zu Hause an, wenn die Eltern dabei sind, etwa ein Päckchen Tabak raucht er in der Woche. Kiffen wird mit 17 zur Gewohnheit, zuerst nur an den Wochenenden, später jahrelang immer wieder längere Phasen auch unter der Woche. Es wird normal, mittags schon den ersten Joint anzustecken - zuhause, wenn die Eltern nicht da sind, oder bei Freunden - "wo ich eben gerade war."

Trotzdem macht er immer Sport. "Ich war das Konditionswunder, in der Schule und im Verein", erinnert er sich. "Ich bin mal bekifft in der Oberstufe den ,Cooper-Test (ein Leichtathletik-Test) gelaufen, das waren am Ende 3200 Meter in zwölf Minuten, da bin ich mit einer halben Runde Vorsprung vor dem Zweiten durch gewesen. Ich weiß nicht, wie gut ich gewesen wäre ohne, also ohne Kiffen oder ohne Rauchen, ich hab ja keinen Vergleich."

Das gilt auch für die Schule jenseits des Sports. Er sitzt bedröhnt im Unterricht, nicht immer, aber immer öfter. Und nicht nur er, sondern mehrere in der Klasse, "es war ein kleiner Kern", sagt Max. Die Lehrer merken nichts, jedenfalls unternehmen sie nichts und sagen nichts, weder zu den Schülern noch zu den Eltern. Das wäre aber eine normale Reaktion, das hätten sie tun sollen, sogar tun müssen, findet Max: "Was ist das für ein Lehrer, der sieht, dass ein Schüler unter Drogen ist und nichts tut?" Stattdessen lernen er und die anderen, dass man auch bekifft zur Schule gehen kann, "betrunken geht nicht, weil die Rauschwirkung bei Alkohol ganz anders ist".

"Wenn man sich einen Joint ansteckt, kommt man sich kultiviert vor"

Die Drogen, die er konsumiert, - also die illegalen, nicht die Zigaretten und nicht der Alkohol - kommen "über Freunde", entweder er beteiligt sich an einer Sammelbestellung oder er bekommt etwas von einem Freund, der selbst in größerem Maß Haschisch und Marihuana verkauft. Max bezahlt mit seinem Taschengeld, später hat er ein eigenes Konto und die Eltern überweisen ihm monatlich das Kindergeld, damit er selbstständig wird, sich selbst Kleidung davon kauft und so weiter. Was er aber nur ganz selten tut. "Ich hatte nie ein finanzielles Problem, es hat immer gereicht, um so viel kaufen zu können, wie ich wollte. Wenn ich nichts hatte, hatte ein anderer was."

Max konsumiert Cannabis. Andere illegale Drogen rührt er nicht an. "Das war immer mein Grundsatz." Natürlich bekommt er alles Mögliche angeboten, Kokain, Tabletten, also Ecstasy, Amphetamine, "was auch immer", auch an der Schule. "Das hat mich aber nie gereizt oder interessiert." Er bleibt bei seinem Grundsatz, andere tun das nicht. Egal, Max konsumiert Cannabis wegen des Gemeinschaftserlebnisses, sagt er, wegen des gemeinschaftlichen Rituals, des gemütlichen Zusammenseins: "Das hat sich für mich immer mehr herauskristallisiert. Dass die berauschende Wirkung dazukommt, war eigentlich der positive Nebeneffekt. Das ist beim Trinken auch so, jedenfalls für mich." Gemeinsam mit Freunden zu Hause sitzen, schön kochen, dazu guten Rotwein trinken. "Wenn man danach statt einer Zigarette einen Joint ansteckt, kommt man sich richtig kultiviert vor."

Man könne schon sagen, dass er süchtig war, findet Max im Nachhinein. Auch damals weiß er natürlich, dass es heißt, "Cannabis macht lethargisch, lustlos und so weiter". Darum geht es auch bei den Standpauken der Eltern in besagtem Urlaub und später immer wieder. "Ich hab das selbst aber nicht so empfunden. Ich habe nicht wahrgenommen, dass es mich einschränkt", sagt er, "es lief ja auch alles". Er ist zu der Zeit davon überzeugt, dass er jederzeit aufhören kann - "ich wollte es aber nicht, die Frage stellte sich also nicht wirklich".

In der Schule kommt er über die Runden, er ist allseits beliebt, wegen seiner netten Art, seiner sozialen Kompetenz, mündlich macht er ganz gut mit, lernen und Leistung sind dagegen nicht sein Ding - "ich bin nicht der Typ, der sich auf Biegen und Brechen irgendwo reinhängt, nur um gut zu sein. Ich bin auch vorher schon eher dem Minimalprinzip gefolgt".

So wenig wie Stress mag er Streit. Den gibts zu Hause aber immer öfter, mit Vorwürfen, Muttertränen und Frust auf beiden Seiten. Er entzieht sich, wo es nur geht. Sein bester Freund wohnt nur wenige Straßen weiter. Der hat eine Etage für sich allein im Elternhaus. Dort verbringt Max die Zeit jenseits von Schule und Sportplatz, übers Wochenende ist er gar nicht mehr zu Hause, schläft auf der Couch.

Erst mit dem Studium ändert sich etwas. Der Prozess fängt eher unspektakulär an, ohne entscheidendes Erlebnis, ohne Wendepunkt oder Stichtag, wie das Erwachsenwerden selbst.

Er bekommt auf Anhieb den Studienplatz seiner Wahl in der nahe gelegenen Stadt, wohnt weiter im Dorf, mittlerweile nicht mehr bei den Eltern, sondern mit den Freunden aus Kinder- und Jugendtagen und besagtem Frankreich-Urlaub, in einem alten Haus mit Garten. Für den Hof kaufen sie ein kleines Schwimmbecken, in den Keller kommt eine Bar.

Es wird viel gefeiert, Freunde bringen Bekannte mit und die wieder andere Bekannte. Es geht lustig zu, es wird getrunken und geraucht, legal, illegal, scheißegal.

Max selbst kifft zu der Zeit eigentlich nur noch am Wochenende, manchmal auch noch in der Woche, streckenweise überhaupt nicht mehr. "Zwischendurch habe ich immer wieder einen richtigen Cut gemacht, ganz aufgehört", sagt er. Bis aus dem "Cut zwischendurch" dann irgendwann ein Dauerzustand wird. Zwei Jahre ist das nun her.

Der Hauptgrund, die Drogen endgültig sein zu lassen, ist sein Beruf, die Arbeit mit so genannten Problem-Kindern und Jugendlichen. "Ich konnte es mit meinem beruflichen Ideal nicht mehr vereinbaren. Ich kann nicht zu den Jugendlichen sagen, dass Drogen schlecht oder gefährlich sind und dann selbst welche nehmen." Dass sie gefährlich sind, davon ist er mittlerweile überzeugt, und das gilt nicht nur für die illegalen Drogen, sondern auch auch für die legalen. Wie schädlich Alkohol für Kinder und Jugendlich ist, darüber wird viel zu wenig aufgeklärt, findet Max. Es gibt zu wenig Bewusstsein, Kontrolle und Schutz. "Wenn ich sehe, wie sich 13- oder 14-Jährige auf dem Fest im Dorf öffentlich betrinken, und keiner findet etwas dabei. Oder wie sie im Supermarkt Alkohol kaufen, weil sie genau wissen, welche Kassiererin den Ausweis nicht sehen will, das ist schon krass."

Schwierigkeiten, mit Drogen und Zigaretten aufzuhören, hat Max nicht. Dem Nikotin schwört er schon Jahre vor den Cannabis ab. "Keiner kann mir was von körperlicher Abhängigkeit erzählen, jedenfalls nicht von so starker, dass es nicht auszuhalten wäre", sagt er, "das ist alles psychisch". Bei ihm ist - einmal den Schalter umgelegt - Schluss damit gewesen, sagt er, "das Verlangen ist einfach nicht mehr da". Wenn es sich ab zu und mal wieder meldet, das Verlangen, die Lust auf einen Joint in geselliger Runde, "dann tu ich es trotzdem nicht, weil ich nicht sicher bin, dass es bei dem einen Mal bleibt und dann, sagen wir mal fünf Monate, wieder Schluss ist".

Aussetzer im Denken oder Schreiben, "dass die Wörter nicht kommen"

Auch seine Mitbewohner kiffen weniger. "Ich war der erste von uns, der ganz aufgehört hat", berichtet Max. Ein anderer in der WG lässt das Kiffen auch seit Monaten ganz sein, "auch wegen der beruflichen Perspektive. Der arbeitet so, dass er eigentlich jederzeit angerufen werden kann und dann noch los muss."

Ganz drogenfrei leben die junge Männer nicht. Sie trinken immer noch Wein zum Essen und Bier zum Fußballgucken, rauchen Zigaretten, der eine mehr, der andere weniger.

Was bleibt übrig von den bekifften Jahren? Neben der Lebenserfahrung des Erwachsenwerdens, verheilten Wunden, Selbsterkenntnis und einem durchaus nützlichen Wissen für den Beruf sind da noch die leichten Aussetzer, die Max hier und da hat: "Ich merke, dass mir manchmal im Denken oder beim Schreiben die Wörter nicht kommen", sagt der 24-Jährige. "Ich weiß nicht sicher, ob das wirklich vom Kiffen kommt, aber ich denke schon, dass es eine Folge ist, mit der ich immer noch zu tun habe."


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