Mit Video: Ein Halbfinal-Abend beim Italiener

Der Klassiker beim Italiener: Von deutscher Enttäuschung und blauer Freude
Riesenjubel auf der Piaggio, auch bei Bellini-Chef Franco Dati (unten, 2.v.r.). (Foto: Hofmann)
Riesenjubel auf der Piaggio, auch bei Bellini-Chef Franco Dati (unten, 2.v.r.). (Foto: Hofmann)

Drei Stunden vorher herrscht noch Ruhe vor der historischen Kulisse. Die mintfarbene Piaggo, von Kennern Ape genannt, tuckert vors Bistro Bellini. Am Steuer sitzt Antonio Dati. Er parkt das Dreirad mit dem Heck zur Außenterasse des Bistros, das seinem Bruder Francesco Dati gehört. Alle Gäste nennen ihn nur Franco. "Auf die Ladefläche wollen wir den Fernseher stellen", meint er. Zehn Minuten später ändert er die Pläne.

Am Dom steigt das Fußballfieber

Video: Yvo Jäckel

Ein banger Blick zum grauen Himmel, Franco geht auf Nummer sicher, die Angst vor einem plötzlichen Gewitter ist zu groß. Der Fernseher bleibt doch lieber auf der Eistheke. Von da können die Gäste genauso gut sehen. Franco ist Italiener. Seit 2010 betreibt er das Bellini. Der Juve-Fan und Eintracht Frankfurt-Sympathisant erwartet zum deutsch-italienischen Duell "gemischtes Publikum und viel Spannung".

Langsam füllt sich der Laden. Neben der Piaggio nimmt Nino Mandra Platz. Der gebürtige Sizilianer ist sicher: "Wir gewinnen 2:1 in der Verlängerung." Thorsten Eckhardt aus Langgöns hat etwas dagegen: "2:0 für Deutschland", sagt er.

Die Stimmung der rund 60 Gäste ist gut, nicht euphorisch. Als die "Fratelli dItalia" ertönt, singt keiner so inbrünstig mit wie "Gigi" Buffon, der Nationalkeeper. Auch bei der deutschen Hymne ist allenfalls Gesumme der DFB-Fans im Bellini zu vernehmen. Erst als Lannoy anpfeift, jubeln die Zuschauer im Bistro vor den beiden Fernsehgeräten - eins für den Außenbereich, eins für die Gäste drin. Doch schnell wird es wieder ruhig. Statt Fangegröle Unterhaltungsatmosphäre, die vom Geklapper der Löffel und Geklirre der Gläser hinter der Theke übertönt wird. Dort hantiert Franco. Er hat sich mittlerweile geschminkt, auf seinen Wangen leuchten zwei grün-weiß-rote Quader, die Nationalflagge.

Deutschland gegen Italien, das ist eine Partie mit Brisanz. Eine halbe Million Menschen mit Azzurro-Wurzeln leben in der Bundesrepublik. Im Vorfeld des Semifinals gab es vor allem in Medien und sozialen Netzwerken derbe Sprüche beiderseits.

Davon ist hier nichts zu hören. Im Innenraum sticht ein illustrer Tisch ins Auge. Illuster wegen der Mischung, die da sitzt. Marco Depalma aus Wetzlar trägt Blau, Markus Kaiser ist in kompletter Montur erschienen: grünes DFB-Trikot mit der Nummer fünf und dem Schriftzug Kaiser, weiße Hose, grüne Stutzen. Sogar Fußballschuhe hat er angezogen. Mit Carlos Manzano beobachtet selbst ein Spanier im Dress der Seleccion hier den späteren Finalgegner. Der Tisch fachsimpelt, Markus überlegt, ob das mit Kroos richtig war, Marco applaudiert bei jedem Pass von Pirlo. Ein bisschen Sticheleien ab und an, keine Feindschaft.

Da passiert es. Der Kopfball von Mario Balotelli schneidet den Tisch in zwei Welten. Während in der einen Welt Marco Depalma aufspringt, die Arme hochreißt und nach draußen rennt, bricht selbige für Markus Kaiser zusammen. Stumm lässt der 23-Jährige den Kopf sinken. Irgendwo dazwischen bewegt sich Spanien-Fan Carlos, der sich Deutschland fürs Finale wünscht. Vor dem Bellini liegen sich die Tifosi in den Armen. Das 0:2, nur eine gute Viertelstunde später, wirkt im Bistro, als habe jemand rückwärts gespult und lasse die Szene aus der 20. Minute nun noch einmal laufen. Der gleiche Torschütze, die gleichen Reaktionen.

Franco hat hinter der Bar gut zu tun. Die italienischen Flaggen auf seinen Wangen sind schon ein bisschen verschmiert. Er ist trotz der Hektik zufrieden. "Wir pendeln hier zwischen Leidenschaft und Stress", sagt er. Kollege Sergio reicht ihm ein Weißbierglas. Der Portugiese hat seine Titelträume schon begraben müssen, fiebert aber für den Chef mit, für die Squadra.

75 Liter Pils und Weißbier werden die beiden heute insgesamt zapfen, dazu gut zwölf Liter Wein ausschenken. Die Bedienungen Irene und Julia karren ein ums andere Tablett hinaus in den Gastraum, unermüdlich wie die Helden auf dem Rasen.

Die Nacht legt sich über den Domplatz, Steffen Simons Kommentare aus dem Fernseher sind ob der nun lauteren Geräuschkulisse auch im Außenbereich nur schwer zu verstehen. Nino Mandra ist das egal. Er schwenkt ein Italien-Fähnchen. "Finale", sagt er zu seiner Lebensgefährtin. "Abwarten", sagt sie. Sie trägt eine schwarz-rot-goldene Blumenkette. "Noch haben wir eine Halbzeit."

Doch irgendwie will keine Spannung mehr aufkommen. Hat Jogi Löw sein goldenes Händchen verloren? Ist das Teil vier des deutschen Tifosi-Traumas, die vierte Niederlage gegen das Land der Pizza, der Pasta und des Gran Padano, des Parmesan? Es scheint so, zumal die Anfangsoffensive des DFB in Durchgang zwei schnell verpufft.

Im Innenraum des Bellini ist es schwül. Das drückt neben dem 0:2-Rückstand auf die Stimmung bei Markus Kaiser. Cesare Prandelli wechselt, bringt mit Thiago Motta für Montolivo einen echten Zerstörer. Marco Depalma klatscht in die Hände und nippt an seinem Cola-Weizen, während Markus Kaiser ihn aufzieht: "Jetzt kommen gleich noch Maldini, Cannavaro und Zambrotta." Abwehrrecken des Calcio aus längst vergangenen Tagen. Flucht in den Humor.

Die Luft ist raus, sowohl beim deutschen Team als auch bei den Weiß- und Grünträgern im und vor dem Bistro. Immer wieder Kopfschütteln bei den Flanken aus dem Halbfeld, auf der Gegenseite fällt fast das 3:0, doch Cassano verzieht. "Christo Santo", beschwört ein Italiener, Heiliger Jesus Christus. Der ist heute nun wirklich nicht mehr nötig. Oder doch? Özils Elfmeter macht es nochmal spannend. Franco, Nino. Sie alle zittern jetzt. Franco hält längst nichts mehr hinter seiner Theke. "Pfeif ab!" Lannoy versteht und bläst in seine Pfeife. Blau, überall blau!

Die Piaggio muss vor den Dom, also packen Italiener und Deutsche gemeinsam an

Nach den ersten Jubelarien fasst sich Franco wieder. Er gibt deutschen wie italienischen Gästen die Hand. Gratulation, guter Kampf, faires Spiel, viel Glück im Finale. Er bittet drei Freunde nach draußen zur alten Piaggio. Von selbst kann sie sein Bruder Antonio nicht aus ihrem Stellplatz rausmanövrieren, zu eng. Deshalb muss sie umgehoben werden. Ein Deutscher und drei Italiener packen an. Antonio wird das Dreirad gleich vor den Dom fahren, wo es zur Jubelbühne der Tifosi vor dem Autokorso umfunktioniert wird. Die 230 Kilo des Zweitakters treiben den vier Männern den Schweiß auf die Stirn. Ein "Hauruck" noch, dann ist es geschafft. Das Salzwasser wäscht Franco die letzten Reste seiner Tifosi-Flagge von den Wangen. Die grün-weiß-roten Quader sind verblasst. Die Augen der Azzurri, die sich aufs Heck der Piaggio schwingen, leuchten umso heller.


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