Moment mal

Von Alexander Fischer
Von Alexander Fischer

Sind wir patriotisch genug? Dürfen einige von Jogis Jungs stumm bleiben, während andere inbrünstig singen? Deutschlands größtes Boulevard-Blatt schaltet sich ein und befragt seine Leser, die sogar Kickern mit polnischen, tunesischen, türkischen oder ghanaischen Wurzeln hinter die Ohren schreiben: Wer den Adler auf der Brust trägt, hat den Mund aufzumachen. Die Özils, Khediras, Podolskis und Boatengs dieser Republik müssen auch den Worten von Volker Bouffier lauschen, der glaubt: "Es sollte zum guten Ton gehören, dass die Spieler die Hymne mitsingen." Hessens Ministerpräsident ist Jahrgang 1951 und weiß, wie es sich anhört, wenn Ballbehandler in kurzen Hosen Lieder trällern. Talentfrei, aber inbrünstig! Franz Beckenbauer beschwor einst "Gute Freunde kann niemand trennen." Von seinem Bayern-Partner Gerd Müller sind gleich vier Attentate auf unsere Ohren aktenkundig, wobei uns "Dann macht es bumm" ob seiner Schlichtheit am ehesten in Erinnerung geblieben ist. Ein paar Kilometer weiter, an der Grünwalder Straße, hielt sich Kult-Keeper Petar Radenkovic mit seinem Klassiker "Bin i Radi, bin i König" neun Wochen in den Top Ten. Die Kicker der Nationalmannschaften von damals eint mit Löws Männern, dass sie eher unfreiwillig deutsches Liedgut schmettern mussten. Schon 1973 musste Helmut Schöns Elf ins Tonstudio und die Kosten für die Heim-WM ein Jahr später mit "Fußball ist unser Leben" refinanzieren. Noch erfolgreicher als der Ohrwurm von Jack White war vier Jahre später Udo Jürgens, der den WM-Gastgeber mit "Buenos Dias Argentina" begrüßte und damit auf Rang drei der Charts stürmte, die Truppe um Manfred Kaltz und Bernard Dietz in der Zwischenrunde aber Österreich den Vortritt ließen. Besser machte es 1982 Jupp Derwall, der Deutschland ins Finale führte, es "Olé Espana" von Michael Schanze aber nur bis auf Platz zehn der deutschen Lieder-Liste schaffte. Von Peter Alexanders "Mexico mi amor" sind 1986 nur die geschmacklosen Sombreros der Protagonisten in Erinnerung geblieben. "Wir sind schon auf dem Brenner" von Udo Jürgens 1990 war schon vergessen, als Franz Beckenbauer alleine durch das Olympiastadion in Rom spazierte. Dankbar sind wir Jürgen Klinsmann, der kurz vor dem Sommermärchen 2006 sein Veto gegen ein neues Liedgut einlegte. Er hat sich also doch um den deutschen Fußball verdient gemacht.

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