Nach dem Jubiläum ist Schluss

Gesellschaft  Postchor Wetzlar feiert 50-jähriges Bestehen und löst sich nun auf

Lothar Friedrich ist seit 21 Jahren Vorsitzender. (Foto: Ewert)
Ehrung der anwesenden Gründer (sitzend, von links ): Manfred Claudi, Lothar Friedrich, Peter Pausch, Artur Schmidt und Valentin Krenig. Dahinter von links Franz Rauner (Schriftführer), Chorleiter Reinhold Schneider, Vize-Chorleiter Klaus Hankel und Kassierer Wolfgang Wiegand. (Foto: Ewert)
Bild 1 von 2

Die Feier zum 50-jährigen Bestehen erfolgte auf den Tag genau 50 Jahre nach der Gründung des Postchors Wetzlar. „Es geht nicht mehr“, stellt Lothar Friedrich aus Braunfels, seit 21 Jahren Vorsitzender, fest. Kontinuierlich sei die Zahl der Sänger zurückgegangen.

Schon kurz nach der Gründung habe der Chor etwa 40 Sänger gehabt, sagte Friedrich im Rückblick. Und das seien nahezu alle keine Neulinge auf dem Gebiet des Chorgesangs gewesen, sondern seien in den Chören ihrer Heimatdörfer und -städte aktiv gewesen. Sie setzten dann in Form des „berufsständischen“ Postchores noch einmal ein Sahnehäubchen obendrauf.

Vorsitzender Friedrich blickte in der kombinierten Jubiläums- und Abschiedsfeier auf die Geschichte des Vereins zurück was ihn unter den gegebenen Umständen sichtlich bewegte.

Es war der im Jahr 2016 fast 92-jährig verstorbene Erwin Schmidt aus Waldgirmes, jahrzehntelanger Personalratsvorsitzender im Postamt Wetzlar, der nach einer großen Gemeinschaftsveranstaltung aller Postler des Postamtes Wetzlar mit 500 Teilnehmern, bei der auch viel gesungen wurde, die Idee zur Gründung des Postchores hatte.

Drei Wochen später, am 28. Oktober 1968, trafen sich auf Schmidts Einladung 25 Sänger zur ersten Probe in der Kraftfahrzeugstelle der Post in der Gabelsberger Straße in Wetzlar. Oskar Fabik aus Bonbaden leitete – mit Geige – diese erste Chorprobe, in deren Verlauf Willibald Andraczek zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde.

1969 folgte Otto Hedderich aus Edingen für zwei Jahre als musikalischer Leiter. Am 16. Februar 1971 übernahm Reinhold Schneider aus Münchholzhausen den Dirigentenstab – und hatte ihn nun auch noch, mittlerweile 87 Jahre alt – bei den letzten halben Dutzend Liedvorträgen im Sportheim des TSV Nauborn inne.

Immer wieder trat der Postchor auf bei besonderen Anlässen innerhalb und auch außerhalb der Post, nahm an Konzerten teil, zu denen er von Gesangvereinen der Heimat eingeladen wurde, und vernachlässigte auch die Geselligkeit nicht.

Bundesweit der einzige Chor, der einschließlich des Leiters nur aus Postlern besteht

1976 löste Heinrich Müller Willibald Andraczek als Vorsitzender ab. Der Postchor Wetzlar war zu dieser Zeit etwas Einmaliges. Denn seinerzeit gab es 60 Postchöre in Deutschland, laut Lothar Friedrich war aber der Wetzlarer bundesweit der einzige, bei dem ausnahmslos alle – einschließlich des Chorleiters – Postler waren.

1989 nahmen die Wetzlarer Sänger erstmals am europäischen Postchortreffen in der schweizerischen Bundeshauptstadt Bern teil – und wurde dabei vom Reisefieber gepackt. Es folgten Sängerfahrten nach Avignon, Siena, Verona, an den Zürichsee, nach Stendal und zu anderen Zielen, Besuche und Gegenbesuche mit und bei zahlreichen anderen Postchören inbegriffen. „Und überall konnten wir uns hören und sehen lassen, gehörte doch mittlerweile auch eine neue einheitliche Kleidung dazu“, erinnert sich der Vorsitzende.

Erwin Schmidt folgte als Vorsitzender auf Heinrich Müller, nach Schmidt kam Franz Rech. Seit 1997 steht Lothar Friedrich an der Spitze. Im Jahr 2004 wuchs der Chor nochmals auf 42 aktive Sänger an, so viele wie nie zuvor. Danach wurden es aber kontinuierlich immer weniger. Der Nachwuchs fehlte.

Im Jubiläumsjahr sind es noch gut 20 Sänger, allerdings mit einem sehr hohen Altersdurchschnitt. Und verstreut im Kreis wohnend. Im laufenden Jahr haben daher auch nur noch wenige Chorproben stattgefunden. Deshalb so Vorsitzender Friedrich, „geht es nicht mehr weiter“. Das war auch dem treuen Rest des einst stolzen Postchores Wetzlar klar. Somit war der Beschluss des Vorstandes mit Lothar Friedrich (Braunfels), dem 2. Vorsitzenden Peter Pausch (Nauborn), Kassierer Wolfgang Wiegand (Rechtenbach), Schriftführer Franz Rauner (Wetzlar) sowie Chorleiter Reinhold Schneider (Münchholzhausen) und seinem Vizechorleiter Klaus Hankel (Dornholzhausen), die Sängertätigkeit mit Ablauf des Jahres 2018 einzustellen und damit die Geschichte des Postchores Wetzlar zu beenden, nur folgerichtig.

Sechs Sänger, die am 28. Oktober 1968 dabei waren, gehören dem Postchor Wetzlar noch immer an: Manfred Claudi, Lothar Friedrich, Valentin Krenig, Peter Pausch, Artur Schmidt und Willi Medebach. Die fünf anwesenden Gründer erhielten für ihre 50-jährige aktive Treue zum Postchor Wetzlar je einen Präsentkorb.

„Ich sage allen, die bis zum Ende ausgeharrt haben, insbesondere unserem Chorleiter: Dankeschön für die vielen schönen Jahre.“

„Jetzt schwingen wir den Hut ...“ – ein Weise, die jeder gestandene Sänger kennt und deren Text aus dem Jahr 1806 von Johann Peter Hebel stammt – war im TSV-Sportheim Nauborn das letzte von vielen Tausend Liedern, die der Postchor Wetzlar im Laufe eines halben Jahrhunderts zur eigenen wie zur Freude anderer gesungen hat.

„Ich sage allen, die bis zum Ende ausgeharrt haben, insbesondere unserem Chorleiter: Dankeschön für die vielen schönen Jahre.“ Und dann – an die eingangs erwähnte Wehmut sei erinnert – klappte Vorsitzender Lothar Friedrich den Deckel des Geschichtsbuches zu: „Postchor 1968 Wetzlar, ade.“ (ew)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet