Radler und Reiter protestieren

Ministerium plant neues Gesetz und will Nutzung der Waldwege einschränken
 Roland Weber, Chef der  Freizeitreiter im Dillkreis.
Roland Weber, Chef der Freizeitreiter im Dillkreis.
 Gerd Ortmann, Vorsitzender  ADFC Lahn-Dill.
Gerd Ortmann, Vorsitzender ADFC Lahn-Dill.
Reiten im Wald soll künftig nur noch auf breiten Wegen, nicht aber auf solchen Pfaden zulässig sein. (Foto: Colourbox)
Reiten im Wald soll künftig nur noch auf breiten Wegen, nicht aber auf solchen Pfaden zulässig sein. (Foto: Colourbox)
Lucia Puttrich, Umweltministerin in Hessen.
Lucia Puttrich, Umweltministerin in Hessen.
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"Ich bin absolut dagegen", sagt Roland Weber. Der Eibacher ist Vorsitzender der Freizeitreiter-Vereinigung im Dillkreis. Das Gesetzesvorhaben sei unausgegoren und "eine gewaltige Einschränkung"für die Reiter. "Sie sollen künftig da wegbleiben, wo sie jetzt gerne sind", sagt er. Weber nennt ein Beispiel: "Wenn wir eine Woche mit unseren Pferden draußen unterwegs sind und Karten dabei haben, können wir nicht erkennen, wie ist der Weg zwischen A und B beschaffen."

Andererseits fördere das Land die Region Lahn-Dill-Bergland mit Geld. Und dort werde wiederum der Reittourismus gefördert. Gaststätten seien vom Land Hessen als "pferdefreundlich" ausgezeichnet worden. Und trotzdem wolle das Land nun reglementieren, dass Pferde nur noch auf "Autobahnen" unterwegs sein dürften. Dabei gebe es hier in der Region gar keine Beschwerden. Außerdem seien diese befestigten Wege nicht gut für das Geläuf der Tiere, sagt Roland Weber.

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Auch der "Allgemeine Deutsche Fahrrad Club" (ADFC) Lahn-Dill kritisiert das Gesetzesvorhaben. "Insbesondere für Mountainbike-Fahrer bedeutet dies quasi ein Verbot ihres Sports in Hessen." Aber auch für die Alltagsradler sei es das Aus für viele schöne Touren, zum Beispiel auf der ehemaligen Bahntrasse zwischen Amdorf und Erdbach, da dieser Weg nicht breit genug sei. Der Vorsitzende des Lahn-Dill-Verbandes, Gerd Ortmann, hat deshalb einen offenen Brief an die heimischen Landtagsabgeordneten Matthias Büger (FDP), Hans-Jürgen Irmer und Clemens Reif (beide CDU) geschrieben und sie aufgefordert, dem Gesetz nicht zuzustimmen.

"Wer soll denn in der Praxis die Mountainbiker kontrollieren?

Im Internet gibt es bereits eine Aktion gegen das geplante Gesetz. Motto: "Open Trails Hessen - Mountainbiker gegen ein Bikeverbot in Hessens Wäldern "In einer Petition fordern sie: "Weg mit dem diskriminierenden Gesetzesentwurf! Kein pauschales Bikeverbot in Hessen!". Mehr als 28 000 unterstützen dort die Petition.

Vor drei Jahren hat der TSV Rittershausen noch Downhill-, also Abfahrtsrennen, für Mountainbiker im Wald veranstaltet. Vorsitzender Mario Schmidt berichtet: "Inzwischen haben wir noch ein paar Hobbyfahrer im Verein." Komme das neue Gesetz, werde es für sie schwierig, geeignete Strecken zu finden, wo sie ihrem Hobby nachgehen könnten. Und Schmidt fügt hinzu: "Obwohl wir hier mitten in der Natur sind und alle Möglichkeiten hätten."

Der Hirzenhainer Radhändler Dirk Höflein steht bei diesem Thema für zwei Interessengruppen: Er fährt Mountainbike, fuhr früher sogar Weltcup-Rennen, und er ist Jäger, hat seit 15 Jahren einen Jagdschein. Dennoch positioniert er sich klar: "Das Gesetz ist nicht gut." Auch unter seinen Kunden im Dillenburger Radladen sei es ein großes Thema. Sie seien enttäuscht, dass ihnen ein Freizeitwert genommen werde. Dabei gebe es im Dillkreis so schöne schmale Pfade, so genannte Single-Trails, auf denen Mountainbiker schön fahren könnten: zum Beispiel im Schelder Wald, oberhalb des Herborner Stadtteils Burg sowie unterhalb der Burg Greifenstein. Werde das Fahren auf den schmalen Single-Trails verboten, mache das Mountainbiken keinen Spaß mehr. Das sei nicht gut für den Sport.

Probleme gebe es dort, wo das Miteinander zwischen Mountainbikern und Wanderern nicht funktioniere. Höflein stellt jedoch klar: "Hier bei uns funktioniert es." Mit Rufen und einem ,Hallo machten Mountainbiker auf sich aufmerksam. Da werde nicht einfach an Spaziergängern vorbeigerauscht.

Die Gefahr, dass Mountainbiker die Natur zerstörten, sieht er ebenfalls nicht: "Die Mountainbiker fahren nicht kreuz und quer durch den Wald, durch Schonungen, wo auch Brutstätten sind."

Und einige seiner Kunden beschwerten sich: "Jetzt können wir gar nicht mehr auf dem Rothaarsteig fahren." Laut Höflein sind dort bislang genauso viele Radfahrer wie Wanderer unterwegs.

Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Hessischer Rothaarsteig mit Sitz in Dillenburg ist für den Weg zuständig. Sie betreut die 73 Kilometer in Hessen. Insgesamt ist der Weg zwischen Brilon im Sauerland und Dillenburg 154 Kilometer lang. Der Weg ist zwar offiziell nur für Wanderer, aber er werde auch von Mountainbikern genutzt, berichtet Steffen Keiner. Er ist Tourismus-Leiter der Stadt Dillenburg und zuständig für die AG. "Wir nehmen das Mountainbiken auf dem Rothaarsteig zur Kenntnis, bewerben es aber nicht", sagt er. Es gebe auch nur sehr wenig Streit zwischen Mountainbikern und Wanderern. In 95 Prozent der Fälle verstünden sie sich. Und: Mountainbiken sei ein naturschonender Sport.

Es sei fraglich, welche Interessengruppe sich mit dem geplanten Gesetz in Hessen durchgesetzt habe - der Tourismus sicherlich nicht. So eine Regelung werde dem Tourismus schaden. Keiner fragt zudem: "Wer soll denn in der Praxis kontrollieren, dass Mountainbiker nur auf so breiten Wegen fahren? Und wer soll dann einen Mountainbiker festhalten?"

Die Förster, weil sie im Wald sind? Der stellvertretende Leiter des Forstamts in Herborn, Christian Herche, sagt: "Das Forstamt ist auf keinen Fall die Ordnungswidrigkeiten-Behörde", sagt er. Dafür seien die Ordnungsämter bei den Städten und Gemeinden zuständig - die aber kein Personal vor Ort hätten. Sonst könne er noch nichts zu dem Gesetz sagen. "Es ist ja auch noch nicht fertig." Erst in den vergangenen Tagen habe er den Gesetzentwurf erhalten.

Der Gesetzentwurf stammt aus dem hessischen Umweltministerium von Lucia Puttrich (CDU). Thorsten Neels, Ministeriums-Sprecher, erklärt die Hintergründe: "Es gibt auf dem Feldberg Schneisen von 200, 300 Meter , auf denen sich Downhill-Strecken wie ein Spinnennetz durch den Wald ziehen." Er spricht von einer "außergewöhnlichen Waldnutzung" durch Mountainbiker. Und das Gesetz solle Konflikte zwischen den Waldnutzern, zwischen Mountainbikern und Spaziergängern zum Beispiel, verhindern. Rund um die Ballungsräume gebe es in den Wäldern zurzeit sehr viele dieser Konflikte.

Allerdings sollen die Mountainbiker auch künftig andere Waldwege nutzen dürfen, sagt der Ministeriumssprecher. Die Forstämter seien gebeten worden, in den staatlichen Wäldern Angebote für die Mountainbiker zu schaffen, also Wege für die Radler freizugeben. "Es geht dabei um attraktive Angebote", sagt Neels. Die Forstämter sollten sie selbst ausweisen - nicht erst auf Nachfrage der Radfahrer. Das könne geschehen durch Duldung bis hin zu Verbots- oder Angebots-Schildern.

Laut neuem Forst-Gesetz drohen bei Verstößen saftige Geldbußen und sogar das Einziehen der Mountainbikes. Aber in der Praxis würden Strafen nur bei wiederholter Zuwiderhandlung ausgesprochen, sagt Neels. Die Forstämter hätten signalisiert, bislang habe es gereicht, auf die Ordnungswidrigkeiten aufmerksam zu machen.


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