Seit sechs Jahren in der Kritik

Streit um Uni-Klinikum hält an
Ein Wegweiser am Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen: Mitarbeiter und Patienteninitiative üben Kritik an der Priva
Ein Wegweiser am Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen: Mitarbeiter und Patienteninitiative üben Kritik an der Privatisierung, die Betreiber verteidigen sie. (Archivfoto: Engelhardt)
Thomas Spies (SPD). (Archivfoto: Krause)
Thomas Spies (SPD). (Archivfoto: Krause)
Wolfgang Pföhler. (Foto: Archiv)
Wolfgang Pföhler. (Foto: Archiv)
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Sie erinnert sich auch an vergangene Auseinandersetzungen zwischen den Klinikumsbetreibern - der Rhön Klinikum AG - und der Mitarbeitervertretung. So hatte die Geschäftsführung im Juli 2010 neue Arbeitskleidung ausgeben lassen. Das Besondere an diesen Kitteln: Sie waren mit elektronischen Chips versehen. Der Betriebsrat schaltete sich ein, befürchteten die Mitarbeiter doch, während der Arbeit überwacht zu werden. Das neue System solle nur dabei helfen, die Wäsche zu sortieren, versuchte UKGM-Sprecher Frank Steibli seinerzeit zu beruhigen. "Diese Sache ist vom Tisch", berichtet Bettina Böttcher heute. Über den Gesamtbetriebsrat sei per Betriebsvereinbarung geregelt worden, dass die Arbeitskleidung mit den Chips nicht verwendet werde.

Einen Monat nach der Debatte um die vermeintliche Überwachung der Angestellten wurde bekannt, dass Rhön Leiharbeitskräfte beschäftigt, die für die Reinigung von Operationssälen und Intensivstationen zuständig sind. Mitarbeitervertretung und Geschäftsleitung trafen sich in der Folge vor dem Arbeitsgericht in Marburg. "Wir haben durchgesetzt, dass ein Konzept für diese hochsensiblen Bereiche erarbeitet wird", erläutert die Betriebsratsvorsitzende. Dieses sehe vor, dass die Leiharbeiter speziell geschult und angeleitet werden, was der Betriebsrat als Erfolg wertet. "Das kann ich bestätigen", sagt Pressesprecher Steibli und ergänzt, dass diese Reinigungskräfte bei der internen Service-Gesellschaft beschäftigt seien.

Prägendes Thema in den Diskussionen um das UKGM war und ist jedoch die Sicherung der Patientenbetreuung.

Vorstand spricht von "bundesweit anerkanntem Erfolgsmodell"

Vor drei Jahren haben Patienten, Ärzte, Juristen und Klinikumsmitarbeiter die Initiative "NotRuf 113" ins Leben gerufen, die sich als Anwalt der Bürger versteht. "Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder auf Missstände in Pflege und ärztlicher Behandlung im Uni-Klinikum hingewiesen", beschreibt die promovierte Ärztin Susanne Deuker die Arbeit der Initiative. Ihre Kollegin Ulrike Kretschmann ergänzt: "Dabei haben wir stets klargestellt, dass die Probleme nicht an schlechter Leistung einzelner Mitarbeiter liegen, sondern an einer zu stark reduzierten Personaldecke."

Diese Einschätzung wird offensichtlich auch innerhalb des Uni-Klinikums geteilt: Im April 2010 wurde ein Schreiben an die Geschäftsführung veröffentlicht, in dem acht Oberärzte die Situation am Marburger Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin kritisieren. Unter anderem klagten sie über Personalabbau und schlechte Weiterbildung. "Diese Sorge haben wir aufgelöst", berichtet Frank Steibli, spricht von Umorganisation und Neueinstellungen.

Thomas Spies (Foto) ist promovierter Arzt, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und hat früher selbst am Uni-Klinikum in Marburg gearbeitet. "Ich halte die Privatisierung nach wie vor für dummes Zeug", stellt er klar, "und die Ereignisse der vergangenen sechs Jahre haben mich in meiner Haltung voll und ganz bestätigt."

Bereits zwei Jahre vor der Privatisierung der Uni-Klinika habe die mittelhessische SPD ein völlig anderes Konzept vorgeschlagen: "Unsere Idee war, aus öffentlichen Krankenhäusern und Universitätskliniken einen mittelhessischen Krankenhauskonzern zu machen."

Die positiven Auswirkungen dieses Konstrukts seien eindeutig, führt Spies aus: "Dieser Zusammenschluss hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht, sondern auch die Versorgungsstruktur optimiert." Jede Einrichtung hätte sich auf spezielle Aufgaben konzentrieren können.

"Außerdem hätte man die Assistenzärzte durch Uni-Kliniken und öffentliche Häuser rotieren lassen können, was eine bessere Ausbildung bedeutet hätte", ergänzt Spies. Er könne nicht erkennen, weshalb ein Uni-Klinikum in privater Hand mehr Gewinn erwirtschaften solle als eine ordentlich geführte öffentliche oder universitäre Einrichtung.

Mehr noch: Spies beruft sich auf eine britische Studie, die einen Zusammenhang herstellt zwischen der Zahl der Pflegekräfte und der Patientensterblichkeit. Forscher haben 120 000 Patientenakten analysiert und sie mit Informationen aus 30 Krankenhäusern verglichen.

"Wir gehen davon aus, dass in diesen Einrichtungen im untersuchten Zeitraum 246 Menschen weniger gestorben wären, wenn sie in Krankenhäusern mit einer größeren Stellenbesetzung behandelt worden wären", erläutert Professor Anne Marie Rafferty, die Leiterin der Studie.

Für Rhön ist das an den mittelhessischen Standorten kein Problem: "Das Klinikum Gießen-Marburg ist ein bundesweit anerkanntes Erfolgsmodell", teilt Vorstandsvorsitzender Wolfgang Pföhler (Foto) mit. "Wir wollen und werden allen Beteiligten durch enge Abstimmung sicherstellen, dass auch die Region Mittelhessen weiß, dass das Klinikum nicht nur optimale medizinische Versorgung garantiert, sondern auch ein guter Arbeitgeber ist."

"In keinem anderen europäischen Land hat die Privatisierungswelle von Krankenhäusern in den letzten zehn Jahren derartige Ausmaße angenommen wie in Deutschland." Zu diesem Ergebnis kommen Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler. Sie haben Studien zum Thema ausgewertet und festgestellt, "dass die Mehrzahl der betrachteten Studien öffentliche Häuser als effizienter ausweist".


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