"So schlimm hatten wir es noch nie"

UNWETTER Nach punktuellem Wolkenbruch am Montag wird in zwei Gießener Quartieren aufgeräumt

Die Kellerräume des Gail-Hauptgebäudes am Erdkauter Weg hat der Wolkenbruch am Montagabend zwei Meter hoch unter Wasser gesetzt. Vieles wurde zerstört. (Foto: Atmaca)

"Ich habe die Schnauze voll! Sehen Sie sich das an." Der stämmige Mann schreitet langsam durch die Kellerräume des Gail-Hauptgebäudes am Erdkauter Weg und zeigt auf die Schäden, die das schwere Gewitter und der Wolkenbruch am Montagabend hinterlassen haben."Die Telefone funktionieren nicht, wir haben kein Internet, die Heizung ist kaputt. Große Teile unseres Archivs mit immens wichtigen Unterlagen sind zerstört." Iordanis Papassimeon ist geschäftsführender Gesellschafter der Gail Architektur-Keramik GmbH. Er berichtet, dass das Wasser über zwei Meter hoch im Keller stand. Am Tag danach steht der Keller noch immer zwei Zentimeter unter Wasser. Über vier Stunden war die Feuerwehr hier im Einsatz. Die Mitarbeiter des Unternehmens, die am Dienstag mit Gummistiefeln zur Arbeit erschienen sind, waren bis spät in die Nacht beschäftigt.

"Das Problem mit der Entwässerung ist seit 20 Jahren bekannt", schimpft Papassimeon lautstark. Immer wieder komme es zu Überflutungen. "Das, was gestern passiert ist, stellt aber alles bisher Dagewesene in den Schatten." Er wirft der Stadt vor, sich nicht um eine Lösung zu bemühen. Im Gegenteil. Die Verantwortung werde allein auf den Unternehmer abgeschoben. "Ich betreibe hier seit Jahren auf meine Kosten Pumpen und beschäftige Personal, damit die Pumpen 24 Stunden laufen können", erklärt Papassimeon. "Ich habe der Stadt schon tausendmal gesagt, wenn ich das nicht mache, wird das ein ewig großer See hier. Und wir sind kein großes Unternehmen. Wir soll ich diese Schäden bezahlen?"

Papassimeon will jetzt wieder das Gespräch mit der Stadt suchen, auch wenn er nicht glaubt, dass sich mittelfristig etwas tun wird. "Wir haben schon im November mit der Stadt und allen Verantwortlichen gesprochen. Die haben am Kernproblem völlig vorbei geplant", echauffiert sich der Geschäftsführer. Den entstandenen Schaden kann er noch nicht einschätzen. "Ich muss mir erst mal einen Überblick verschaffen." Außerdem müssten jetzt so bald wie möglich wieder Telefon und Internet eingerichtet werden, damit die Firma wieder arbeiten könne.

Viele Betroffene verärgert darüber, dass vorher nichts für den Schutz getan wurde

Frustriert sind auch Einwohner im Anneröder Weg. In Höhe der Heinrich-Fourier-Straße hatte sich am Montagabend in Folge des Starkregens ein See gebildet. Das Wasser lief in mehrere Keller. "Ich wohne hier schon seit über 30 Jahren, aber so schlimm hatten wir es noch nie", sagt Birgit Hohmann. Vor dem Haus stapeln sich durchnässte Kartons, Möbel und Elektrogeräte, die die Einwohner aus dem Keller geräumt haben. Stundenlang war die Feuerwehr auch hier im Einsatz. Viel sehen kann man am Tag danach vom Wasser nicht mehr: Der Boden ist noch nass, an der Hausaußenwand klebendes Gras lässt erahnen, wie hoch das Wasser stand. "Ich hatte viele Bücher im Keller gelagert", erklärt Hohmann. Sie betreibt einen Buchladen. Viele Bände sind nun unbrauchbar. Es habe nur wenig gefehlt und das Wasser wäre auch in die Wohnungen vorgedrungen. "Das Problem ist bekannt", ärgert sich Hohmann. "Aber die Baugenossenschaft unternimmt nichts dagegen." Bauliche Veränderungen seien notwendig, auch eine von vielen Nachbarn gewünschte Versicherung gebe es nicht. "Jedes Mal, wenn es hier etwas mehr regnet als üblich, drückt das Wasser aus der Kanalisation heraus", berichtet die Einwohnerin. Ein weiterer Nachbar empört sich: "Selbst die Feuerwehr hat uns gesagt, dass hier eigentlich ein Rückhaltebecken hin muss." Der Hausmeister hat nun fürs Erste einen Container bestellt. Bereits am Vormittag hatte das Ordnungsamt die Einwohner aufgefordert, die vor dem Haus abgestellten Kisten und Möbel schnell wegzuräumen.

John Willbond, Hausmeister der Siedlung am Anneröder Weg, sagt, dass mehr als ein halbes Dutzend Häuser betroffen waren. Das Sechs-Parteien-Haus, in dem auch Birgit Hohmann wohnt, hat dabei das meiste abbekommen. Im Schiffenberger Weg hatten man ebenfalls mit den Wassermassen zu kämpfen. Im "Schuhcenter Siemes" stand das Wasser rund fünf Zentimeter hoch. Im Lager laufen noch immer die Heizgeräte, um den Raum zu trocknen. "Die Holzverkleidung muss komplett ausgetauscht werden und die Teppiche sind durchnässt", fasst Filialleiterin Gabriele Machwitz die Schäden zusammen. Beziffern kann sie sie noch nicht.


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