Stolpersteine erinnern an Vertriebene

NS-Zeit  Der jüdische Metzgermeister Simon Junker floh 1937 mit seiner Familie aus Endbach

Diese historische Aufnahme zeigt Metzgermeister Simon Junker im Kreise seiner Familie. (Repro: Piplies)
Bürgermeister Julian Schweitzer (rechts) und Künstler Gunter Demnig (2. v. r) freuen sich mit den Nachfahren der Familien Junker und Klingelhöfer über die ersten Stolpersteine in Bad Endbach. (Foto: Piplies)
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Sie erinnern an die ehemaligen jüdischen Gründer und Besitzer des Metzgerladens mit Pension, seine Ehefrau sowie an deren beiden Kinder. Metzgermeister Simon Junker (geboren 1888) kam kurz nach seiner Heirat mit Wilhelmine Pauline, geborene Laatz (1891), im Jahr 1913 aus Biebrich am Rhein ins Hinterland und gründete in Bad Endbach – damals noch ohne das „Bad“ eine Metzgerei. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg bis 1918 für Deutschland, musste allerdings seine Heimat 1937 als Flüchtling mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern Elfriede und Alfred in Richtung Argentinien verlassen. Nun erinnern vier sogenannte „Stolpersteine“ an die ehemaligen Endbacher, die wegen der immer schlimmer werdenden politischen Verhältnisse in der NS-Dikatur zu einem Neuanfang in Südamerika gezwungen wurden.

Die Idee, mit „Stolpersteinen“ an ihre Vorfahren zu erinnern, hatte Enkelin Irene Son, die mit ihrer Tochter Adriana und einer Freundin extra aus Buenos Aires zur Feierstunde nach Bad Endbach gekommen war. Son hatte von der Idee der Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig von einer Freundin erfahren, war bei einer Verlegung in Frankfurt und Argentinien dabei und hatte dann schließlich mit dem Initiator selbst Kontakt aufgenommen. Nach Rücksprache mit der Bad Endbacher Verwaltung stand einer Verlegung der ersten „Stolpersteine“ in Bad Endbach nicht mehr im Wege.

Bei der kleinen Feier war denn nicht nur Projektgründer und Künstler Demnig persönlich zugegen. Auch Bad Endbachs Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) hieß die Nachfahren der Familie Junker herzlich willkommen und sprach seinen Dank für die Initiative aus. Für den Rathauschef sei es eine „große Ehre, den Initiator der Stolpersteine persönlich in Bad Endbach zu begrüßen“. Schweitzer versprach, die Stopfersteine und mit ihnen die Erinnerung an die Familie Junker in würdiger Erinnerung zu halten. Denn auch in Bad Endbach habe die NS-Geschichte nicht Halt gemacht, und die Nachfahren müssten sich auch der negativen Historie stellen, so der Bürgermeister weiter.

Die Stolpersteine seien aber auch ein Zeichen gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, betonte der junge Rathauschef. Gerührt von der Feierstunde zeigte sich vor allem Enkelin Irene Son. „Verzeihen, aber nicht vergessen“, ist ihr klarer Kommentar. Ihren Opa, also Metzermeister Simon Junker, habe sie nicht mehr kennenlernen können, da er 1943 in Buenos Aires plötzlich verstarb und sie gerade drei Monate alt war.

Kontakt zwischen Familien bleibt

Ihre Großmutter, also Wilhelmine Junker, führte nach dem Tod ihres Mannes die Pension weiter, die sich die beiden Endbacher nach ihrer Flucht in ihrer neuen Heimat aufgebaut hatten und erreichte ein Alter von knapp 98 Jahren, berichtete die Nachfahrin.

Während ihre Mutter Elfriede Junker (verheiratet Leschnitzer, geboren 1914 in Endbach, und Schulbesuch der Mittelschule bis 1930 in Herborn) in Buenos Aires blieb, zog ihr Onkel Alfred Junker, der 1919 in Endbach geboren worden war und bis 1933 dort die Volksschule besucht hatte, in den 1950er Jahren von Argentinien nach Kalifornien weiter und starb in den USA.

Die Familie Junker scheint sehr beliebt im Hinterland gewesen zu sein. Denn bis zum letzten Monat in Deutschland habe sich „Opa Simon“ in Endbach wohl gefühlt und sich noch bei einigen Bauern verabschiedet, bei denen er sein Vieh bezog. Seine Freunde und Bekannten rieten ihm schließlich, seine alte Heimat zu verlassen.

Die Metzgerei in Endbach übernahm 1937 Wilhelm Klingelhöfer. Er war bei Simon Junker in die Lehre gegangen, war anschließend als Geselle geblieben und hatte ein familiäres Verhältnis zu seinem Chef, seiner Frau und den beiden Kindern. Daher verwundert es auch nicht, dass die Flüchtlinge Postkarten und Briefe an den „Nachfolger“ der Metzgerei und Pension in Endbach schickten und die Nachfahren mit den heutigen Betreibern und ebenfalls Nachfahren des damaligen Klingelhöfers Kontakt aufnahmen und gastfreundlich aufgenommen wurden. Die vier Stolpersteine erinnern nun vor der Metzgerei an diese Geschichte.

Die Stolpersteinverlegung selbst ist eine Aktion der Stiftung Spuren. Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Orten Deutschlands und in 21 Ländern Europas. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten.

Mehr Infos zum Künstler unter www.stolpersteine.eu


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