Studenten jodeln mit dem Handy

KOMMUNIKATION App erlaubt anonyme Postings

Ob spontane Verabredungen, das Wetter oder studentische Witze: In der App „Jodel“ schreiben junge Marburger anonym über ihren Alltag und die Uni. Und der „Ekirchenmann“ lädt dort in der Nacht zu spontanen Spaziergängen an der E-Kirche ein. (Foto: Grähling)

Tipps für anstehende Uni-Prüfungen, spontane Treffen in der Stadt oder einfach nur der Austausch über Dinosaurier, Partys und das Wetter: Über die App „Jodel“ sind Marburgs Studenten gut vernetzt. Dort finden sie Leidensgenossen, Freunde und manchmal auch die große Liebe.

„Jodel“ ist eine Applikation für das Smartphone, die es den Nutzern erlaubt, anonym Nachrichten oder Bilder zu posten. Andere Nutzer können die Nachrichten dann gut oder schlecht bewerten und kommentieren natürlich auch völlig anonym.

Lesen kann die Nachrichten jeder „Jodler“ im Umkreis von zehn Kilometern. Es ist also eine lokal begrenzte Gemeinschaft.

Klarnamen gibt es bei „Jodel“ nicht. Aber dennoch einige Menschen, die es schon zu einem Kultstatus unter den Studis gebracht haben. Dazu zählt etwa der Ekirchenmann. Der postet fast jeden Abend unter seinem Hashtag #ekirchenmann eine Nachricht und lädt andere Studenten gegen Mitternacht zu einem gemeinsamen Spaziergang ein.

„Angefangen hat das, weil jemand Begleitung für einen Nachtspaziergang gesucht hat“, erzählt der Ekirchenmann Sebastian. Einen Tag später habe ein Student jemanden zum Reden gesucht wollte einen Liebeskummer-Spaziergang machen.

„Jodler“ verteilen kostenlos Umarmungen bei Spaziergängen durch die Oberstadt

„Gerade am Anfang war ich oft mit einzelnen Leuten alleine unterwegs“, erzählt Sebastian. „Das war oft Seelsorge.“ Inzwischen folgen seinen Aufrufen zum Spaziergang gegen Mitternacht immer mehrere Leute.

Den Namen Ekirchenmann hat Sebastian von einem anderen „Jodler“ bekommen und findet ihn selbst ganz witzig. So hat er immerhin einen Wiedererkennungswert und genießt ein gewisses Vertrauen, sodass auch Studentinnen mit auf seine Touren gehen. Der Sinn seiner Runden liege darin, sich zu bewegen und Gespräche zu führen.

„Aber es kommen auch immer mehr Studenten, die neu hier sind und andere Menschen kennenlernen wollen.“ Gerade mit dem jetzt startenden Semester wird es daher wieder viele spontane Treffen über „Jodel“ geben nicht nur zu nächtlichen Spaziergängen, sondern auch zu Treffen an der Lahn oder WG-Partys. Und damit sich niemand alleine fühlt, will Sebastian mit seinem „Jodel“-Kumpel Malte durch die Oberstadt ziehen und kostenlose Umarmungen verteilen.

Für Sebastian sind die Gespräche das Reizvolle an den „Jodel“-Treffen: „Ich höre gerne zu und ich finde es spannend, neue Leute und Ansichten kennenzulernen.“ In Marburg seien dabei die Themen rechte und linke Gesinnung sowie Feminismus „extrem krass“.

Mehr erzählen will Sebastian nicht über sich. Er schätzt die Anonymität von „Jodel“. Und: „Wer etwas über mich wissen will, kann gerne zu den Spaziergängen kommen.“ Generell rät Sebastian dazu, keine persönlichen Daten in „Jodel“ herauszugeben und sich immer nur an öffentlichen Plätzen mit anderen Studenten zu treffen.

Neben dem Dino des Tages, der von einem anderen Studenten jeden Tag in Form eines Steckbriefs vorgestellt wird, gibt es auch den Wetterjodler. Der informiert die Studenten seit August jeden Morgen über das Wetter in Marburg: Wie viele Sonnenstunden und welche Temperaturen sind angekündigt? „Wenn ich mich mal verspäte, werde ich schon angeschrieben und gefragt, wo das Wetter bleibt weil jemand sehen will, ob sich das Joggen lohnt“, erklärt Cedrik, der Wetterjodler.

Solche immer wiederkehrenden Posts und humorvolle Studentenwitze machen die Gemeinschaft der „Jodler“ aus aber nicht nur: Die Politik in Marburg wird da ebenso diskutiert wie Flirttipps, Klausuren und die letzte Fachschafts-Party. Es gibt Hilfe für WG-Suchende, Mitleid für gestresste Studenten in der Prüfungszeit und Beziehungstipps.

„Bei Jodel gibt es fast alles“, erzählt Sebastian. Er habe mal nachts um zwei nach einer Pizza gefragt und tatsächlich habe ihm dann jemand eine Tiefkühlpizza gebracht.

Ein bisschen Rivalität zwischen den Universitäten den und Städten darf gerade in einer anonymen Social-Media-Gemeinschaft auch nicht fehlen: Bei Missgeschicken und anderen Dummheiten folgt immer wieder schnell das Stichwort #dummwiegießen mit dem die „Jodler“ sich über die Nachbarstadt Gießen lustig machen.


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