Szenische Lesung ist beklemmend aktuell

GEDENKEN "Adressat unbekannt" erzählt von Freundschaft, die in bitterböser Rache endet

Das rote Band: Es verbindet und trennt die Briefeschreiber Martin (Gisela Stoll-Krohn) und Max (Michael Herbel).

Musik: Saxofonist Achim Breinl bittet die Tänzer der Theatergruppe "ETPetete" zum Tanz. (Fotos: Blecher )

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In Kooperation mit der Lahn-Dill-Akademie (VHS) organisierte die Dillenburger Gesellschaft eine szenische Lesung mit Musik und Tanz, die am Sonntag im Konzertsaal der Lahn-Dill-Akademie mit der Wetzlarer Theatergruppe ETPtete und dem Marburger Musiker Achim Breinl stattfand.

Martin wird selbst zum Opfer

"Adressat unbekannt" heißt die 1938 veröffentlichte Erzählung der amerikanischen Autorin Kathrin Kressmann Taylor, die in Briefform die Freundschaft zwischen dem jüdischen Geschäftsmann Max Eisenstein und seinem Partner Martin Schulse erzählt, die zu Beginn der 1930er Jahre eine Kunstgalerie im kalifornischen San Francisco führen.

Nach der Machtübernahme der Nazis beginnt sich Martin, der in München verbleibt, von dem in den USA lebenden Max zu distanzieren. Der glühende Verehrer der Rasselehre der Nazis verbietet sich weitere Briefe von seinem jüdischen Freund. Als Eisensteins Schwester Griselle, eine Schauspielerin, wegen ihres Judentums in Gefahr gerät, fleht Eisenstein Schulse an, der Schwester, die einst mit Schulse liiert war, zu helfen. Doch dieser verweigert der Ex-Geliebten die Hilfe. Griselle wird auf Schulses Anwesen von SA-Schergen umgebracht.

Die seit drei Jahren bestehende Theatergruppe ETPtete unternahm mit dem Marburger Musiker Achim Breinl (Piano, Saxofon) die schwierige Aufgabe, diesem als Briefwechsel gestalteten Roman in einer szenischen Lesung gerecht zu werden. An zwei sich gegenüber stehenden Tischen lasen Gisela Stoll-Krohn (als Martin Schulse) und Michael Herbel (als Max Eisenstein), eingerahmt von Pianoklängen, Klezmermusik, Cole Porters "Night and Day" und den Tänzerinnen und Tänzern der Wetzlarer Theatergruppe, die Briefparts mit der ihnen gebührenden Klarheit und Intensität.

Alle Akteure demonstrierten bei dem sich mit großer Eindringlichkeit und Spannung entwickelnden Drama, wie sehr sie sich mit der Geschichte um Fanatismus und Verrat identifizierten, in der Martin, der willige Verfechter der nationalsozialistischen Weltanschauung, schließlich selbst zum Opfer dieses Systems wird. In Briefen an ihn erweckt Max für die NS-Behörden den Eindruck, dass Martin ein Agent des jüdischen Widerstands sei. Und so gehen Max‘ Briefe an Martin mit dem Vermerk "Adressat unbekannt" an den Absender zurück

Die rund 50 Besucher der szenischen Lesung mit Musik zeigten sich beeindruckt von dieser meisterlichen Geschichte um die tragische Entwicklung einer Freundschaft, die in einer bitterbösen Rache endet. Als ein Werk, das nicht nur der Erinnerung dient, sondern auch zu steter Wachsamkeit mahnt, war die Aufführung dieses Stückes von geradezu beklemmender Aktualität.


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