Vieles Neues ist ein alter Hut

FUSSBALL DFB-Chefausbilder Frank Wormuth über falsche Neun, Standards und Packing

Iniesta, Xavi, Busquets, Fabregas - die hohe Kunst. Die deutsche Nationalmannschaft unter Bundestrainer Joachim Löw hat sich in diese Richtung entwickelt - und war 2014 zur Stelle, als die Spanier baden gingen, als ihr Code dechiffriert war. Die EM 2016 brachte wieder anderen Fußball - nichts Neues, sondern Altbekanntes, das an Bedeutung verloren hatte: größerer Fokus auf Defensive, mehr Tore nach Standards und ein Ein-Stürmer-System. Viele Mannschaften agierten defensivorientiert - weil sie für den Gegner nicht stark genug waren. Die Folge: Torarmut! Frank Wormuth, Chefausbilder der deutschen Fußballlehrer, antwortet im folgenden auf einzelne Erkenntnisse und Thesen, die sich im Zuge der EM in Frankreich ergeben:

Erkenntnis und These 1: Laut EM-Analyse der Technischen Kommission der UEFA wurden auf einmal wieder mehr Flanken geschlagen. Auch von der deutschen Mannschaft, aber es sind nur gerade mal 20 Prozent beim eigenen Mitspieler angekommen. Das ist ein schlechter Wert, weil jahrelang das Kurzpassspiel das Nonplusultra war, die Flankerei führt zu nichts.

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Frank Wormuth: Langsam, langsam: Flanken sind nicht gleich Flanken. Da müsste man erst mal analysieren, aus welchem Bereich sie geschlagen wurden. Wenn sie aus dem Halbraum, also aus dem Mittelfeld oder zumindest noch einiges vom Strafraum entfernt geschlagen werden, ist es schwierig, die Bälle so zu platzieren, dass sie wirklich torgefährlich sind. Die beste Flanke ist die, die in den Rücken der Abwehr fällt. Aber wie das schaffen, wenn die gegnerische Defensive tief steht, sich also ganz weit zurückgezogen hat und wenig Platz ist zwischen den Verteidigern und dem Torwart? Die Abwehrspieler haben es da einfacher als die Stürmer, weil sie das Spielgeschehen vor sich haben, der Angreifer stattdessen im Rücken. Für ihn ist es besser, wenn die Flanke von der Grundlinie kommt und damit weg vom Torwart und hin zum Stürmer fliegt.

Erkenntnis und These 2: Der Trend zum Ein-Stürmer-System setzt sich fort. Schon alleine deshalb fliegen viele Flanken ins Niemandsland, die Mannschaften müssten also mehr, mindestens zwei, nominelle Stürmer haben.

Wormuth: Nehmen wir die deutsche Nationalelf. Die spielt bevorzugt in einer 4-2-3-1-Formation. Dieses System wird aber flexibel und nicht etwa starr umgesetzt. Das bedeutet, dass bei einer Flanke, zum Beispiel von einem der äußeren Mittelfeldspieler, drei Spieler in die Box, wie’s so schön für Strafraum heißt, reingehen. Also können potenziell drei Spieler auch zum Kopfball kommen. Wenn mit zwei Spitzen gespielt wird, zum Beispiel im 3-5-2 oder 4-4-2, dann sind es ja zunächst nur zwei - oder wieder drei, wenn einer der Mittelfeldspieler mit vorne reinstößt. Ihre These hebt vermutlich darauf ab, dass es sich bei zwei Stürmern um zwei besonders kopfballstarke Fußballer handelt. Die aber könnten sich gegenseitig die Räume wegnehmen, deshalb wird man allenfalls in Notsituationen, etwa bei einem Rückstand in einem K.o.-Spiel, so eine Möglichkeit in Betracht ziehen. Besser sind eine sogenannte Keilspitze und dazu andere Spieler, die mit in die vorderste Linie gehen.

Erkenntnis und These 3: Die sogenannte falsche Neun, also ein Mittelstürmer, der eigentlich gar keiner ist, sondern eher ein offensiver Mittelfeldspieler, hat ausgedient.

Wormuth (Foto: Witters): Von der falschen Neun hat 2012 bei der EM in Polen und der Ukraine der damalige spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque erstmals gesprochen. Vielleicht war es auch ein Übersetzungsfehler vom Spanischen ins Deutsche. Seither wurde immer von der falschen Neun gesprochen. Ich als Leiter der Fußballlehrerausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie des DFB kämpfe dafür, solche Begriffe zu vermeiden. Ich mag keine negativen Ausdrücke im Fußball. Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, hat mal von einer schwimmenden Neun gesprochen, einem Angreifer, der sich zwischen den Reihen bewegt. Diese Position gibt es im Fußball schon sehr lange. In den 70er Jahren war dies der Niederländer Johan Cruyff, ein Mittelstürmer, der sich bis ins Mittelfeld zurückbewegte und dort das Spiel maßgeblich gestaltete. Und für alle Älteren: Der Ungar Nándor Hidegkuti spielte bei der WM 1954 diese Rolle. Also ist das nichts Neues. Es geht darum, dass die Neun sich nicht nur an der vorderen Linie festhält, sondern überall bewegt - und, jetzt kommt das Entscheidende, andere Spieler auf seine eigentliche Position im Sturmzentrum hineinstoßen. Das ist zum Beispiel bei der deutschen Mannschaft der tiefere Sinn, einen Mario Götze vorne reinzustellen, damit plötzlich ein Thomas Müller, ein Mesut Özil oder ein Marco Reus dort auftaucht. Das ist variabel und hat nicht ausgedient. Wir in der Ausbildung sprechen übrigens von einer variablen Neun.

Erkenntnis und These 4: Je defensiver die Grundausrichtung ist, desto wichtiger werden die Standards. Bei der EM beispielsweise stieg diese Trefferquote von 21 Prozent (2012) auf 30 Prozent, und 19 der wichtigen ersten Tore eines Spiels fielen auf diese Weise. Darauf wird zu wenig Wert gelegt und muss viel mehr Trainingsinhalt werden als bisher.

Wormuth: Das A und O ist der Schütze der Standards. Es nutzt nichts, wenn ich hervorragende Kopfballspieler habe, aber der Ball kommt in den Strafraum geflattert und hat Schnee auf dem Ball - für die Laien: in zu hohem Bogen geschlagen. Wenn sie den Schützen haben, sind das schon mal 50 Prozent des guten Standards. Und dann können Sie Varianten einstudieren. Man kann zum Beispiel in den Weg des Gegners laufen und ihn da blocken, wo er hinwill. Man kann auch sehr gut Räume freilaufen für einen, der noch gar nicht im Geschehen ist und dann genau diesen freien Raum nutzt. Aber es stimmt: Das wird mir ein bisschen zu wenig gemacht im Profibereich. Der SC Freiburg etwa hat da schon revolutionär gearbeitet. Joachim Streichs "Co" Lars Vossler war vor Jahren bei uns in der Trainer-Tagung der Juniorenteams in Berlin und hat dargestellt, wie der SC seine Standards macht.

Das war ein Wettbewerb der Spieler untereinander, die selbst Standards kreiert haben. Es ist interessant, den Spielern mehr Verantwortung zu geben, da kommen auch ein paar tolle Sachen raus. Das haben die Junioren-Nationalteams übernommen und darüber hinaus dann die A-Nationalmannschaft. Als ich noch U 20-Nationaltrainer war, hatten wir am Ende zwölf Standardsituationen - eine hieß "Bauch", eine "Fullhouse" oder eine andere "Traube fünf". Die haben wir einstudiert, das macht auch Spaß und ist nützlich, weil das die einzige Situation im Spiel ist, in der wir alleine bestimmen können, was passiert, weil der Gegner wirklich auf uns gucken muss.

Erkenntnis und These 5: Alle Wege führen nach Rom, viele zum Tor. In diesem Zusammenhang ist das Wort Packing aufgetaucht - die neue Methode, entwickelt von den Bundesligaprofis Stefan Reinartz und Jens Hegeler, misst, wie viele Gegner mit einem einzigen Pass oder einer flüssigen Kombination überspielt werden und sagt: je mehr, umso effektiver und torrelevanter. Das heißt, man misst nicht mehr in Ballbesitz, in gewonnenen Zweikämpfen, sondern in überspielten Gegnern. In der Analyse der UEFA-Fachleute kommt Packing nicht vor, im Fußball sind also noch nicht alle Fachleute auf dem neuesten Stand.

Wormuth: Das stimmt so nicht. Wir haben das Packing in der Lehre, in der Ausbildung der angehenden Fußballlehrer logischerweise drin. Wir haben Stefan Reinartz sofort eingeladen, um uns seine Methode darzustellen. Das hat er gut gemacht. Aber - Achtung - es ist eine Möglichkeit, im Nachhinein festzustellen, wie man gewonnen hat und warum man gewonnen hat. Dass man möglichst alle Gegner austricksen muss, um zu gewinnen, ist nichts Neues, sondern logisch, weil uns der Gegner ja nicht freiwillig den Platz gibt. Neu ist nur, im Nachhinein den Beweis zu bekommen, dass durch eine erhöhte Packingrate, also das Überspielen von Linien, eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, auch als Sieger rauszugehen aus dem Duell. Das Problem: Ich kann jetzt den Beweis führen, dass drei weite Bälle mit sechs überspielten Gegnern am Ende tatsächlich zum Tor geführt haben. Die Partie ging aber 6:0 aus, die anderen drei Tore habe ich durch x Doppelpässe zuwege gebracht, also alle Gegner ausgepackt. Das weiß man tatsächlich erst hinterher. (SK)


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