Von Gurten und Gittern

TAGUNG Müssen freiheitsentziehende Maßnahmen sein?

Bettgitter gehören fast in jeder Pflegeeinrichtung heute zum Bild. (Foto: Colourbox)

"Wir wollen sensibilisieren und informieren. Wenn es nicht gelingt, in den Köpfen eine Einstellungsänderung zu bewirken, wird sich nichts ändern", sagte Gastgeber Frank Oehm, Präsident des Gießener Amtsgerichts.

"Keine Studie weltweit zeigt einen positiven Effekt dieser Maßnahmen"

Die Vorträge und die sich anschließende Diskussion machten deutlich, dass freiheitsentziehende Maßnahmen "schwerwiegende Eingriffe in die Grund- und Menschenrechte pflegebedürftiger Menschen" darstellen, aber dennoch zum Alltag von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern gehören. Michael Poetsch kennt als Lehrer für Pflegeberufe die gängigen Begründungen für den Einsatz von freiheitsentziehenden Maßnahmen: Sturz- und Verletzungsgefahr.

Nach einer Hamburger Studie werden bis zu 50 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Einrichtungen fixiert. Zum Teil mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen. "Keine Studie weltweit zeigt einen positiven Effekt von freiheitsentziehenden Maßnahmen", unterstrich Doris Bredthauer ihre Position gegen den Einsatz von Bettgittern, Gurten und Co. Sie war selbst einst am psychiatrischen Krankenhaus als Ärztin beschäftigt und "musste Hunderte Fixierungen anordnen".

Einig waren sich die Teilnehmer - es waren Betreuungsrichter, Mitarbeiter der Pflege und Altenpflege und Tätige aus dem Bereich der rechtlichen Betreuung darunter -, dass die Entscheidung, ob freiheitsentziehende Maßnahmen angewendet werden sollen, der Betreuer oder der Bevollmächtigte als Rechtsvertreter des Betroffenen trifft. Die Pflegekräfte selbst haben diese Entscheidungsfreiheit nicht und müssen sich nach den Vorgaben richten. Wichtig sei in allen Fällen aber immer eine sorgfältige und gründliche Dokumentation.

Um auch weiter am Thema zu bleiben, machte Michael Poetsch auf ein Projekt des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HMSI) aufmerksam: Im Rahmen des Projektes "Netzwerkarbeit von rechtlicher Betreuung, Medizin und Pflege zur Vermeidung FEM" wurden sechs Fortbildungswochen angeboten, bei denen man sich auch als Verfahrenspfleger qualifizieren konnte. "Eine Fortsetzung in 2015 ist geplant."


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