Voruntersuchungen sind das A und O

TELEFONAKTION Dr. Ralph Ruwoldt beantwortet Leserfragen zur Narkose am "Direkten Draht zum Mediziner"

Der Facharzt, der die Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin an den Dill-Kliniken in Dillenburg leitet, hatte dabei beruhigende Nachrichten für die Anrufer, denn bei der Anästhesie gibt es heutzutage viele individuelle Verfahren.

Das gilt auch für die 80-jährige Anruferin aus Herborn, die in diesem Jahr schon sieben Narkosen über sich ergehen lassen musste: "Ich habe Angst, dass das nun für meinen Körper schädlich ist. Kann ich davon Demenz bekommen?"

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Da die Harnleiter-OP der Frau, der ein sogenannter "Splint" gesetzt und wieder entfernt wurde, recht schnell geht, konnte Ruwoldt Entwarnung geben. Das von ihr befürchtete "postoperative, kognitive Defizitsyndrom" werde, genau wie ein Delir, in der Regel nur nach länger andauernden Narkosen beobachtet. Allerdings gebe es in der Medizin inzwischen Überlegungen, ob diese durch Verwirrtheit und Vergesslichkeit gekennzeichneten Leistungsdefizite nicht durch die Stressbelastung der Operation mitbedingt oder durch Narkose und Operation lediglich demaskiert würden. Der Herbornerin empfahl er, ihren Urologen zu fragen, ob nicht eine lokale Anästhesie vertretbar wäre.

Wie eine solche abläuft und welche Formen der regionalen Narkose es gibt, erläuterte der Anästhesist einer 63 Jahre alten Wetzlarererin. Sie wird demnächst an der Hüfte operiert. "Welche Narkose gewählt wird, entscheiden wir immer nach Risiko und Vorerkrankungen des Patienten. Man kann eine solche OP unter einer regionalen Anästhesie machen. Für den Patienten kann das beängstigend sein, weil er vieles mitbekommt. Wir in Dillenburg kombinieren diese Form der Narkose deshalb mit einem leichten Schlafmittel. Zudem können Sie über einen Kopfhörer ihre Lieblingsmusik hören - zur Entspanung." Neben der "Spinalanästhesie" (Betäubung über das Rückenmark), käme auch eine rückenmarksnahe Katheteranästhesie in Frage. Bei dieser könnten in den Tagen nach der OP über den Katheder auch gleich die Schmerzmittel gegeben werden. Da die Wetzlarerin aber bereits eine Wirbelsäulenoperation hatte, müsse in einer Voruntersuchung abgeklärt werden, welche Methode die Beste sei.

Vorgespräch und Voruntersuchungen seien vor einer Narkose sehr wichtig, betonte der Mediziner, denn nur so könne die medizinische Vorgeschichte der Patienten abgeklärt werden. In der Anästhesie könnten sich die Fachärzte mittlerweile sehr gut auf Vorerkrankungen, wie Diabetes oder Unverträglichkeiten einstellen und somit mögliche Risiken minimieren.

Je nach Krankheit gibt es verschiedene Möglichkeiten der Anästhesie

Eine Risikopatientin ist gewissermaßen auch die 67-jährige Fleisbacherin, die unter Trigeminusneuralgie, einem chronisch, schmerzhaften Reizzustand des Gesichtsnervs leidet. Nun steht eine Zahn-OP an. Da der zu behandelnde Zahn auf der gleichen Seite wie der erkrankte Nerv liegt, befürchtet die Frau einen Schub oder eine Verschlimmerung der Krankheit.

Hier konnte Ruwoldt beruhigen: Er sei zwar kein Zahnmediziner, allerdings hielte er die Risiken für gering, da bei dieser Art der Behandlung meist nur "örtlich" betäubt werde. Allerdings solle sie diese Frage zur Sicherheit noch mit ihrem Zahnarzt abklären.

Auch die 57 Jahre alte Anruferin aus Biedenkopf ist besorgt, denn sie leidet unter Rheuma: "Ich habe jetzt gleich mehrere Operationen vor mir, unter anderem am Fuß und am Unterarm. Außerdem wurde ich schon an der Hals- und Lendenwirbelsäule operiert. Wegen meines Rheumas habe ich besondere Angst vor der Intubation, denn diese muss durch die Nase vorgenommen werden."

Auch hier könne möglicherweise eine regionale Anästhesie gemacht werden, erläuterte ihr der Facharzt. Bei einer Vollnarkose gäbe es beim Vorbereiten der Beatmung die Möglichkeit, den Beatmungsschlauch, mittels Fiberglastechnik, unter Sicht einzuführen. "In Dillenburg machen wir eine leichte Vorbetäubung, versetzen Sie sozusagen in Halbschlaf. Sie brauchen keine Angst zu haben, denn das beherrschen inzwischen eigentlich alle Anästhesisten."

Der einzige männliche Anrufer am Nachmittag war ein 66 Jahre alter Breidenbacher: "Ich habe zwei Baustellen im Körper: Die Augen, da soll ich wegen meines Grauen Stars operiert werden, und die Prostata, an der soll eine Ausschabung über die Harnröhre gemacht werden." Das eigentliche Problem: Der Mann ist an Parkinson erkrankt. "Was können Sie mir raten, damit ich es ohne Schaden überstehe?", fragte er den Mediziner.

"Beim Grauen Star wird meistens örtlich und ohne Narkose operiert. Das können Sie schon mal abhaken", meinte Ruwoldt. "Bei der Prostata gibt es die Möglichkeit der Spinalanästhesie. Die hätte in diesem Fall den Vorteil, dass wir in die Neurologie, also ihren Parkinson nicht eingreifen. Da können Sie auch ihre Medikamente weiter nehmen. Sollte Spinal nicht möglich sein, brauchen Sie eine Vollnarkose. Da kann es natürlich sein, dass die Parkinsontherapie ein bisschen durcheinander kommt. Wir würden aber versuchen, ihren Einnahmerhythmus der Medikamente beizubehalten. Da es keine lange OP ist, ist das möglich."

Grundsätzlich sagt der Anästhesist über das Thema Narkose: "Wo etwas gemacht wird, kann auch immer etwas schiefgehen aber es ist heutzutage ein sehr sicheres Verfahren. Wichtig ist, dass die notwendigen Voruntersuchungen entsprechend bestehenden Vorerkrankungen gemacht werden."


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