Wallonen kommen nach Wetzlar

Vortrag  Französische Glaubensflüchtlinge finden in Wetzlar Aufnahme

Einen Teil der heutigen Untere Stadtkirche durften die calvinistischen Wallonen für ihre Gottesdienste nutzen. Gepredigt wurde in französischer Sprache. (Foto: Archiv)
Dr. Irene Jung. (Foto: Heller)
Bild 1 von 2

Dr. Irene Jung, Leiterin des Stadtarchivs war die Referentin der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wetzlar für einen packenden Vortrag über die französischen Glaubensflüchtlinge, die 1586 vom Stadtrat in Wetzlar aufgenommen wurden. Es ging dabei um 60 Familien, die vom spanischen Habsburgerreich in den katholischen Niederlanden an ihrer calvinistischen Religionsausübung gehindert wurden, flüchteten und sich zunächst in Wesel am Niederrhein angesiedelt hatten. Die nördlichen protestantischen Niederlande hatten sich unter Wilhelm von Oranien selbständig gemacht.

Als nun der Landesherr von Wesel, der bis dahin den Protestanten wohl gesonnen war, eine katholische Prinzessin heiratete, waren die Flüchtlinge dort auch nicht mehr sicher und suchten nach Asyl.

Der lutherische Stadtrat der verarmten Stadt Wetzlar nahm die etwa 350 Personen damals auf, um neue Wirtschaftskraft in Wetzlar zu entwickeln und tüchtige Handwerker wie Wollweber, Schuster oder Bäcker in die Stadt zu holen. Diese wurden dafür Vollbürger und hatten sich in den Zünften zu organisieren und Steuern zu zahlen, wurden aber von Frondiensten zunächst befreit.

Für den Gottesdienst stellte die Stadt ihnen den Chor der früheren Franziskanerkirche, der heutigen Unteren Stadtkirche am Schillerplatz zur Verfügung; das Kirchenschiff und die verbliebenen Klostergebäude wurden von der lutherischen Gemeinde genutzt.

Der Gottesdienst musste in französischer Sprache erfolgen, weil eine Vermengung des lutherischen mit dem calvinistischen Glauben unbedingt vermieden werden sollte.

Diese Abtrennung wurde erst ganz langsam abgebaut. Selbst 70 Jahre nach der Einwanderung sollte der französischsprachige Gottesdienst noch aufrecht erhalten werden, obwohl kaum mehr jemand französisch sprach.

Im Dreißigjährigen Krieg hatten die Calvinisten große Probleme im Hin und Her zwischen protestantischen und katholischen Kriegsherren, aber im Westfälischen Frieden von 1648 wurde der reformierte Glaube neben dem evangelisch-lutherischen dem katholischen rechtlich gleichgestellt.

Und dieses Angebot von drei christlichen Konfessionen in Wetzlar war eine entscheidende Voraussetzung für die Ansiedlung des Reichskammergerichts in Wetzlar nach seiner Vertreibung durch die Invasionen Ludwigs des XIV. im Rheinland, wusste Irene Jung zu berichten .

Somit hätte Wetzlar ohne die weise Entscheidung des Wetzlarer Stadtrats von 1586 das Reichskammergericht und den damit verbundenen Wirtschaftsaufschwung nicht bekommen, Goethe wäre nie nach Wetzlar gekommen, er hätte nie Charlotte Buff kennengelernt, und die Weltliteratur hätte nie einen Werther bekommen.

Im Stadtbild sieht man heute noch französische Inschriften an Häusern, vor allem an der Alten Münz am Eisenmarkt und an Häusern in der Kornblumengasse. Leider sei das alte Pfarrhaus der Reformierten an der Treppe zur Jäcksburg vor rund 50 Jahren durch einen neuzeitlichen Wohnkomplex ersetzt worden, obwohl es auch im 19. Jahrhundert zur Gründungsstätte der Wetzlarer optischen Industrie durch Karl Kellner geworden war. Nur noch eine Gedenktafel an der Treppe erinnert daran. Die Vereinigung der calvinistischen Reformierten und der lutheranischen Evangelischen wurde erst 1833 vollzogen. Aber es gibt immer noch Familien, die von den „wallonischen“ Einwanderern stammen.

Der Vortrag von Dr. Irene Jung faszinierte das Publikum durch die geglückte Verbindung von solider Archivarbeit und lebendiger Darstellung der Geschichte mit ihren weitreichenden Folgen für eine Stadt und deren weitere Geschichte.(red)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet