Was macht Menschen zu Mördern?

THEATER "Mamma Medea" aktuell
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Noch lieben sie sich: Medea (Sonka Vogt) und Jason (Martin Maecker). (Foto: Haindl)

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Und gerade diese Mehrdimensionalität ist das zentrale Merkmal der Inszenierung, die durchgehend eine Geschichte erzählt, jedoch mit unterschiedlichen Darstellungsebenen arbeitet und im ersten Teil das Althergebrachte hervorhebt. Ganz klassisch geht Jason in Kolchis auf die Suche nach dem Goldenen Vlies und Medea verliebt sich in ihn. Um das begehrte Vlies, dessen Erwerb ihm Ehre verspricht, zu erlangen, muss sich der Held einer Prüfung stellen, die ihm Medeas Vater Aietes als Wächter des Schatzes auferlegt. Angetrieben von ihrer Liebe nutzt die Tochter ihre göttlich-magischen Fähigkeiten, um Jason zum Ziel zu führen, den Vater zu betrügen und mit dem Traummann zu entkommen, auch durch Mord an ihrer eigenen Verwandtschaft, mit der die Heldin radikal bricht.

Der wichtigste Clou von Rößlers Inszenierung ist nun, dass er die Geschichte in einer deutlich herausgehobenen Darstellungsebene zunächst in einer eigenen Sphäre verwurzelt. Denn der klassisch daherkommende Teil seiner Inszenierung arbeitet mit Elementen des japanischen Bunraku-Theaters. Medea und ihre gesamte Familie werden in Kolchis von den Darstellern aus dem Publikumsraum gelesen. Auf der Bühne agieren in Weiß gekleidete Figuren als Marionetten der nach Rollen verteilten Lesung, die von schwarzen Akteuren zudem auch in ihrem Bewegungsablauf gelenkt werden. Der Effekt ist beachtlich, denn durch die Bunraku-Elemente wird das Altertümliche des Mythos in einer Art Marionettentheater als Ausgangspunkt ins Bewusstsein gerufen.

Was übrigens nicht für Jason und seine Begleiter Idas und Telamon gilt, die schon als reale Personen nach Kolchis kommen, um das Vlies zu holen.

Einige Worte zur schauspielerischen Leistung. Genauer: Zu Martin Maecker, der einen beachtlichen Jason auf die Bühne bringt. Umgeben von der bedrohlichen Mythenwelt spielt Maecker seine Figur kühl, fast schon beängstigend naiv, um damit einen beachtlichen Kontrapunkt zum aufgewühlten Kolchis zu setzen.

n Ein beachtlicher Jason und eine Frau, die das Blut in den Adern gefrieren lässt

Eine beeindruckende darstellerische Leistung, die Ogün Derendeli als cholerischer Wegbegleiter Idas und Charles Toulouse als leichtgläubiger Telamon wirklich gekonnt flankieren. Zusammen wirken die Drei allerdings nicht bloß wie unbedarfte Eindringlinge in die Marionettenwelt. Hinter Jasons Kühle schimmert vielmehr eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal Medeas durch, die mit dem Konkretwerden ihrer Liebe und dem Bruch mit der Familie Sonka Vogt als reale Person spielt. Für ihn zählt das Vlies, die Ehre und die Hilfe, die Aietes Tochter zu beidem geleistet hat.

Der zweite Teil verzichtet auf Bunraku und zeigt die Welt auf einer weiteren Darstellungsebene in Fleisch und Blut in herkömmlichem Sinne. Schon äußerlich deutet sich dieser Wandel an, denn während Simone Steinhorst im ersten Teil lediglich auf große und rötlich beflieste Panele als Bühnenbild setzt, werden die Gäste nach der Pause von einem Spielplatz empfangen. Die Geschichte geht allerdings weiter: Medea, die für die Ehe Herkommen und Familie geopfert hat, und Jason sind verheiratet und haben Kinder. Aber: Die beiden sind miteinander unglücklich, und Jason hat längst eine Neue gefunden. Medea wird verbannt, setzt jedoch alles daran, Jason, der sich ihr vehement widersetzt, die Stirn zu bieten. Der besondere Aha-Moment ist nun: Rößler greift die Motive seiner Figuren aus dem ersten Teil in dieser modern anmutenden Welt auf und spitzt sie zu.

Jasons Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, die damit verbundene Gleichgültigkeit und Medeas restlos aufopfernde und notfalls über Leichen gehende Liebe radikalisieren zu schärfstem Narzissmus, der bloß noch seinen Willen durchsetzt. Es kommt, was kommen muss: Mord und Totschlag, die vor den Kindern und dem eigenen Leben nicht haltmachen.

n Vorstellung heute ist ausverkauft, Karten gibt es für Dezember- und Januar-Termine

Apropos schauspielerische Leistung: Sonka Vogt spielt eine Medea, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie bringt eine vom Schicksal gezeichnete Frau auf die Bühne, die am Ende von Eiseskälte beherrscht und zur grausamen Mörderin wird. Hut ab davor und vor dem gesamten Ensemble, das sich glänzend aufgelegt zeigte. Und vor der Inszenierung, die durch das Spiel mit den zwei Darstellungsebenen beim Erzählen einer Geschichte sehr deutlich gemacht hat, dass der griechische Mythos nach wie vor aktuell ist und Narzissmus und Radikalismus als Mordmotive zeitlos sind.

n Die nächste Aufführung am heutigen Abend ist ausverkauft. Karten gibt es noch für die Aufführungen am 11. Dezember sowie am 12. und 16. Januar. Die weiteren Aufführungstermine stehen noch nicht fest. Das Stück beginnt um 19.30 Uhr auf der Bühne des Theaters am Schwanhof statt.

n Weitere Informationen: www.theater-marburg.com.


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