"Was will ich denn bei den Alten?"

BILDUNG Anneliese Müller (69) über den Sinn der Seniorentreffpunkte

Als in den 1970er Jahren die ersten Seniorentreffpunkte im Kreis gegründet wurden, war Anneliese Müller dabei: erst als ehrenamtliche Helferin, später 19 Jahre lang als Angestellte in der Seniorenbildung der Volkshochschule. "Das war der Job meines Lebens", sagt die 69-Jährige. (Foto: Heitz)

Es gibt immer mehr Rentner, aber immer weniger besuchen die Seniorentreffpunkte. Wie passt das zusammen?

Anneliese Müller: Ich glaube, dass Senioren heute allgemein fitter und mobiler sind als vor 40 Jahren, als Seniorentreffpunkte gegründet wurden. Viele haben einen Führerschein, ein Auto und Urlaubspläne. Alles, was das Mittelalter macht, machen heute auch noch die Älteren, ich schätze, so bis 80. Davon abgesehen gibt es auch eine Hemmschwelle, zum Seniorentreffpunkt zu gehen.

Was für eine Hemmschwelle?

Müller: Es gibt diese Angst, dass man zum alten Eisen gehört, wenn man zum Seniorentreffpunkt geht. Viele sagen sich: "Ich bin noch nicht so alt." oder "Was will ich denn bei den ganzen alten Leuten?". Ich kann nur sagen, dass diese Menschen einem Irrtum unterliegen. Ich habe schon erlebt, dass Menschen, die mit 80 zum ersten Mal einen Seniorentreffpunkt besuchen, bereuen, dass sie nicht schon früher kamen.

Wann ist man heutzutage eigentlich alt?

Müller: Fragen Sie mal jemanden in meinem Alter! Ich bin 69, fühle mich aber nicht alt. Das Glas ist noch halb voll. Ich finde, alt ist man erst, wenn man sich für nichts mehr interessiert.

Wie alt sind die Besucher der Seniorentreffpunkte?

Müller: Es kommen 60-Jährige wie 90-Jährige, wobei die Älteren zum Teil fitter sind als die Jüngeren. Insgesamt sind die Besucher meiner Einschätzung nach heute etwas älter als in den 1970er Jahren. Da war es Ehrensache, in den Altenclub zu gehen, das war sozusagen in.

Wie hoch ist die Männerquote?

Müller: Gering, was vor allem an der leider geringeren Lebenserwartung der Männer liegt. Bei uns in Weidenhausen kamen immer so drei, vier Männer, inklusive Pfarrer - und 20 bis 25 Frauen. Darunter waren immer viele Witwen. Viele nutzten die Veranstaltung als Treffpunkt. Es gibt eben auch kein Café hier im Dorf, in das man sich gemütlich setzen und reden könnte. Beim Seniorentreffpunkt geht das.

Worüber wird sich bei Kaffee und Kuchen unterhalten?

Müller: Ein großes Thema sind naturgemäß Krankheiten. Aber Gespräche über das, was im Dorf so geschieht, werden auch gerne geführt.

Was machen Senioren heute anstelle eines Besuchs des Seniorentreffpunkts, wenn Fitness und Reiselust nachlassen?

Müller: Ich glaube, vor allen Dingen fernsehen. Das ist ja auch recht bequem. Rote Rosen, Unter uns, Verbotene Liebe - davon höre ich immer wieder. Ich weiß gar nicht, was das alles ist.

Aber Fernseher gab es doch auch schon in den 1970er Jahren.

Müller: Ja, aber dass viele Leute sagen, dass sie nicht kommen, weil sie die nächste Folge einer Serie nicht verpassen wollen - das habe ich früher nicht so erlebt. Es kann natürlich auch sein, dass das Angebot der Seniorentreffpunkte, so wie es jetzt nicht, nicht mehr ganz zeitgemäß ist.

In welcher Hinsicht?

Müller: Vielleicht liegt es an den Vortragsthemen. In den Seniorentreffpunkten geht es ja nicht nur um Kaffee und Klatsch. Unsere Volkshochschule hat einen Bildungsauftrag. Senioren können Referenten Fragen stellen zu dem Thema des jeweiligen Nachmittages. Ich würde sagen, dass die heutigen Senioren durch die vielen Medien informierter sind und auch schon mehr gesehen haben in ihrem Leben.

Welche Themen müsste man dann ansetzen?

Müller: Wenn ich das wüsste. Was die Häuser füllt, sind Gesundheitsthemen. Spiel-, Sing- und Bastelnachmittage sind auch sehr beliebt. Bei Diavorträgen dagegen schläft gern mal jemand ein, und das sogar direkt nach dem Kaffee. Ich glaube, die Menschen möchten nicht passiv berieselt werden, sondern mehr mitmachen!

Es gibt ja nicht nur Seniorentreffpunkte, sondern auch Demenzcafés, Aktivwochen 50+ und vieles mehr. Gibt es inzwischen zu viele Angebote für ältere Menschen?

Müller: Manchmal schon, insbesondere in der Vorweihnachtszeit. Da möchte jeder etwas für Senioren machen.

Viele Seniorentreffpunkte im Kreis werden in diesem Jahr 40. Wie viele Jahre wird es sie noch geben?

Müller: Ich hoffe, noch sehr lange. Der demografische Wandel zeigt, es wird immer mehr ältere Menschen geben. Schon jetzt ist die Volkshochschule bemüht, die althergebrachte Form zu modernisieren. Mein Wunsch war immer, die Seniorentreffpunkte mehr zu zentralisieren: Es sollte in jeder Großgemeinde einmal im Monat für alle einen gemeinsamen Seniorentreffpunkt geben. In einer großen Runde macht es mehr Spaß. Vielleicht wird es so kommen.


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