Wenn Gewalt und Ehrenmord drohen

Hilfsangebot  „Perlenschatz“ nimmt Betrieb auf / Wohngemeinschaft für bedrohte Muslima eröffnet

Gewalt gegen Frauen: Der Verein Perlenschatz mit Sitz in Solms bietet Betroffenen nun eine Zuflucht. (Foto: Hildenbrand/dpa)

Die Initiatorin und Vorstandsvorsitzende des gleichnamigen Vereins, Anette Bauscher, gab jetzt bekannt, dass die Zufluchtsstätte eröffnet wurde.

Im September 2014 war der gemeinnützige Verein von 22 Mitgliedern gegründet worden. Er bietet Frauen Hilfe, die vor häuslicher Gewalt, drohender Zwangsheirat oder „Ehrenmord“ fliehen. Das Gebäude im Wert von einer knappen Million Euro hatte der Verein als Spende erhalten und damit die „Stiftung zur Förderung von Perlenschatz“, kurz „Perlenschatz Stiftung“, gegründet. Sitz von Verein und Stiftung ist Solms.

„Anker“ ist geeigneter Ort für minderjährige Mädchen, die vor Zwangsehe flüchten

Bislang wurden die Frauen laut Bauscher in privaten Schutzräumen oder bei Kooperationspartnern untergebracht. Der Standort von Haus Anker mit elf Schutzzimmern bleibt aus Sicherheitsgründen anonym.

Während über ein Drittel aller Frauen in Deutschland zwischen 15 und 74 Jahren Gewalt erleben, sind laut Weltgesundheitsorganisation Frauen aus dem Nahen Osten und Asien davon noch deutlich stärker betroffen. Schon vor der großen Flüchtlingsbewegung hatten durchschnittlich 50 Prozent der Frauen in deutschen Frauenhäusern Migrationshintergrund. Mehrere Studien der Bundesregierung aus den Jahren 2004 bis 2011 ergaben deutliche Hinweise darauf, dass für Frauen mit Migrationshintergrund ein signifikant höheres Gewaltrisiko besteht. Ebenso weisen sie darauf hin, dass sie eine intensivere Betreuung brauchen, schilderte Bauscher die Beweggründe für den Verein Perlenschatz.

Geld für entsprechende Projekte wurde bisher nicht bereitgestellt. Die Zufluchtsstätte wird als Wohn- und Lebensgemeinschaft mit Hauseltern geführt. Sozialpädagogen und Erzieher mit interkulturellen Kenntnissen begleiten die Frauen in ein selbstbestimmtes Leben – bis zur bestmöglichen Integration in Deutschland. Traumatherapie und Patenfamilien ergänzen das Angebot. Der „Anker“ sei auch ein Ort für minderjährige Mädchen, die vor einer Zwangsehe im Herkunftsland der Eltern oder in Deutschland flüchten. Jugendämter könnten das Angebot von Perlenschatz nutzen.

Nach Angaben des Dachverbandes der autonomen Frauenhäuser fehlen in Deutschland 4300 Plätze für Frauen und Kinder. „Bisher trägt sich die Arbeit des Vereins Perlenschatz aus Spenden, da die Landesmittel für Frauenhäuser in der Regel kommunalisiert sind und sich Kommunen aber nicht in der Pflicht sehen, Häuser mit bundesweitem Ansatz zu unterstützen – trotz erheblicher Aufstockung der kommunalen Mittel für Flüchtlinge“, so Bauscher. Durch Personal, Betriebs- und Instandhaltungskosten sowie Öffentlichkeitsarbeit haben Verein und Stiftung nach ihrer Berechnung einen Jahresbedarf von 400 000 Euro. Perlenschatz sehe sich nicht als Konkurrenz regulärer Häuser, sondern als Ergänzung. Zur Zielgruppe gehören neben Muslima auch Frauen, die Todesdrohungen erhalten, weil sie ihren Glauben gewechselt haben, Frauen, die aus polygamen Ehen flüchten sowie Flüchtlingsfrauen und Schutzsuchende mit Migrationshintergrund. Perlenschatz-Botschafterin und Islamwissenschaftlerin Professor Christine Schirrmacher aus Bonn, die sich für Menschenrechte stark macht, bestätigte bei der Einweihung von Haus Anker in ihrem Grußwort die große Notwendigkeit der Einrichtung. Ebenso äußerte sich der aus dem Nordsudan stammende Yassir Eric, Gründungsmitglied von Perlenschatz und Leiter des Europäischen Instituts für Migration, Integration und Islamthemen (EIMI).


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