Wenn zu viel Liebe tödlich ist

PREMIERE  Hessisches Landestheater zeigt das Drama „Blaubart – Hoffnung der Frauen“

Henry Leif Solf als Blaubart. Die „Hoffnung der Frauen“ entpuppt sich in Dea Lohers zynischer Tragödie als Frauenmörder. (Foto: Joscha Mengel)

Gemeinsam mit den Regisseurinnen Lisa-Marie Gerl und Victoria Schmidt vom Hessischen Landestheater haben sie seit Oktober Dea Lohers 1997 am Bayerischen Staatsschauspiel München uraufgeführtes Drama „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ einstudiert.

Immer wieder trifft Heinrich auf Frauen, die sich ihm an den Hals werfen

Blaubart ist seit dem 17. Jahrhundert, als er erstmals in einer französischen Märchensammlung auftauchte, ein Synonym für einen grausamen Frauenmörder. Auch Lohers Blaubart, verblüffend souverän gespielt von Henry Leif Solf, wird zum Frauenmörder – im Unterschied zum Märchen-Blaubart aber aus Liebe und Verzweiflung.

Es wird munter gestorben auf der kleinen, treppenförmigen Bühne, die Fred Bielefeld in den kleinen Raum gezimmert hat: Alle paar Minuten wird eine Frau erwürgt, erstickt oder erschossen. Und das aus Liebe, aus zu viel Liebe, aus Liebe „über die Maßen“.

Die erste Frau, die sterben wird, heißt Julia. Sie summt den Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy, als sie auf die Bühne tritt und sich schwärmerisch auf den ersten Blick in den Schuhverkäufer Heinrich verliebt. „Liebst du mich so sehr wie ich Dich Liebe?“, fragt sie ihn immer wieder. Sie liebe ihn „über die Maßen“, so sehr, dass sie für ihn sterben könnte. Vor seinen Augen nimmt sie Gift, um ihm ihre Liebe zu beweisen. Er will sich nicht mehr auf Frauen einlassen, sucht nur noch die eine große Liebe. Doch immer wieder trifft Heinrich auf Frauen, die sich ihm an den Hals werfen, die schmeicheln, betteln, schwärmen. Da ist etwa die Hure, eine Professionelle, von der Heinrich Blaubart so gar keine Liebe erwartet. Er zahlt ja schließlich dafür, dass sie nicht liebt. Und doch will sie ihn als den „Festen“. Er müsse auch nicht mehr arbeiten, sie verdiene genug. Sie muss sterben. Ebenso wie die junge schwärmerische Frau auf dem Bahnsteig oder die Frau, die sieben Männer hatte – viermal geschieden, dreimal verwitwet. Sie hat ihre eigene Männergruft. Blaubart soll sie töten. Er schießt ihr – eher aus Versehen – erst ins Bein, dann in die Schulter und schließlich ins Herz. Erst als er eine blinde Frau trifft, ändert sich die Szenerie.

Ironisch und sarkastisch kommentiert werden die kurzen, schlaglichtartigen Szenen von zwei Vögeln, die Blaubart und die Frauen begleiten: Liebe, die alle Erwartungen übertreffen soll, ist tödlich, das macht Dea Loher in ihrer zynischen Tragödie klar. Das heftige und doch in vielen Momenten auch witzig-überzeichnete Stück passt sehr gut für das Theaterlabor-Ensemble: Neun Frauen, ein Mann – alle haben ihre Szenen und machen ihre Sache richtig gut. Am Ende gab es stürmischen Applaus für das Stück, das die Regisseurinnen Gerl und Schmidt sowie die Dramaturgin Nadine Wiedemann auf das Laienensemble zugeschnitten haben. Neben Henry Leif Solf spielten Eva Arhelger, Isabell Büchner, Tabea Eschenbrenner, Amélie Gaime, Frauke Hubal, Jeanine Hunold, Larissa Lichtenfels, Regina Reisch und Josephine Reischel. Sie alle sind Laien, junge Erwachsene im Alter von 20 bis 30 Jahren. Die meisten sind Studierende, einige sind berufstätig, sagt Regisseurin Victoria Schmidt. Das Theaterlabor ist eines von drei Laienensembles, die das Landestheater aufgebaut hat.


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