Woolrec: Giftiger als befürchtet

Gutachten warnt vor Dioxin in Lebensmitteln und Futter
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Nach der Untersuchung von Obst, Gemüse und Gras in Tiefenbacher Gärten durch das Hessische Landeslabor (LHL) hatte das RP Anfang November Entwarnung gegeben. Doch das war womöglich falsch. Der unabhängige Gutachter Peter Gebhardt, Leiter des Ingenieurbüros Umweltschutztechnik (IfU) in Lollar, wirft der Aufsichtsbehörde und dem LHL Versäumnisse vor.

Gebhardt wurde vom Tiefenbacher Ortsvorsteher Heinz Schulz mit einer Stellungnahme zum LHL-Gutachten beauftragt, die dieser Zeitung vorliegt. Der Ingenieur hat auf Basis der LHL-Daten Risiken bewertet. Die Ergebnisse sind erschreckend. Nach Berechnungen Gebhardts liegen die Werte für krebserregende Dioxine und dioxinähnliche PCBs im Tiefenbacher Obst und Gemüse zehn- bis 20-fach über den jemals in Deutschland gemessenen Maximalwerten. Bundesweit wäre damit kein Ort bekannt, an dem die Belastung höher ausfällt. Der Wissenschaftler empfiehlt dringend eine Verzehrwarnung für die im näheren Woolrec-Umfeld geernteten Äpfel, Trauben, Tomaten oder auch Salat. Würde ein Kind pro Tag nur einen Apfel und eine Tomate essen, dann wäre laut Gebhardt bereits der von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegte Maximalwert für die wöchentliche Aufnahme an Dioxinen und PCB deutlich überschritten.

Ähnlich verheerend fällt Gebhardts Analyse für die Grasproben aus: Die vom LHL gemessenen Dioxin- und PCB-Werte lägen deutlich über dem in der EU-Futtermittelverordnung festgelegten Grenzwert. Gleiches gelte für den EU-Grenzwert bei Arsen. Entsprechend dürfe das Heu nicht verwendet werden. Von der Tierhaltung auf Wiesen und Weiden rund um Woolrec und dem Verzehr des Fleischs rät der Fachmann deshalb ab.

Der Obst und Gemüseanbau ist in dem dörflich geprägten Braunfelser Stadtteil weit verbreitet. Viele Bürger halten Tiere - Ziegen, Schafe, Kaninchen und Kühe.

Versäumt hat es das RP nach Ansicht Gebhardts, für eine Bewertung der Grasproben zu sorgen, um zu einer Risikoeinschätzung zu kommen.

Gutachter: Behörde hätte vor dem Verzehr von Obst und Gemüse warnen müssen"

Außerdem hätte das RP eine Verzehrbeschränkung für Obst und Gemüse ausgeben sollen. Eine Wiederaufnahme des im September vom RP untersagten Betriebs bei Woolrec hält der Experte für "nicht verantwortbar".

Ortsvorsteher Schulz ist "erschüttert" über die neuen Erkenntnisse. Für ihn steht fest, dass das RP die Bevölkerung vor den gesundheitlichen Gefahren hätte schützen müssen. Schulz kann sich nicht erklären, warum die Warnung nicht erfolgte - "ob die Behörde nicht konnte oder nicht wollte".

Schockiert und empört sind auch die Mitglieder der Interessengemeinschaft (IG) Tiefenbach, die seit Jahren gegen die Verarbeitung von Dämmstoffabfällen vor ihrer Haustür kämpfen. Trotz vieler Anhaltspunkte habe sich das RP über Jahre geweigert, die Giftbelastung zu prüfen, heißt es in einer Mitteilung. Vor allem die gesundheitlichen Gefahren für die Kinder sorgen für Entsetzen.

Eine Klage auf Schadenersatz gegen Woolrec für die nicht mehr nutzbaren Gärten plant der Frankfurter Anwalt Matthias Möller-Meinecke. Er vertritt sechs Mandanten in Tiefenbach. Vom RP fordert der Jurist, das Unternehmen für die Sanierungen in die Pflicht zu nehmen. Sollte Woolrec darüber pleite gehen, muss nach Ansicht Möller-Meineckes das Land Hessen einspringen.

Beim LHL wollte man sich am Dienstag nicht zu den Vorwürfen äußern, stattdessen wurde an das Regierungspräsidium verwiesen. Dort hieß es, das RP könne erst dann Stellung nehmen, wenn das Gutachten von Gebhardt geprüft sei, so eine Sprecherin. Generell aber gelte, dass sich die Behörde auf die von ihr bestellten Gutachter verlasse.

Erste Reaktionen des RP

Nachdem dieser Bericht online erschienen ist, warf die Behörde uns am Dienstagabend „einseitige Berichterstattung vor“. Eine Stellungnahme lehnte das RP aber weiter ab.


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Kommentare (12)
Ihr habt die Woolit-Ziegel vergessen: Es sind ja nicht nur Krebsfasern, sondern auch Dioxine im Woolit. Wer kommt eigentlich für den Schaden der Ziegelhausbesitzer auf??? Das RP Gießen?
Das stimmt, für die Kosten wird wahrscheinlich der Steuerzahler aufkommen müssen. Man überlege sich mal, was der Wahnsinn die Bürger schon gekostet hat und noch kosten wird: Erst die halbe Million Fördermittel vom mehr
Staat, dann (wahrscheinlich auch) die Entsorgung in Olfen und die Sanierung in Tiefenbach, und in einem ganzen Dorf sind die Immobilienwerte gleich Null! Von der Gesundheitsgefährdung der Dorfbewohner durch diese Dioxinschleuder gar nicht zu reden!
Na schön, dass wenigstens einer oder einige dabei reich geworden sind, oder? Das macht uns doch alle froh und glücklich, dafür nehmen wir gern 10 Dioxinjahre in Kauf!
Mein erster Kommentar dazu scheint durchgefallen zu sein... dann eben anders...
Lesen sollte man schon können... natürlich bin ich Unbeteiligt aber Steuerzahler.. und keiner hier kann mir erzählen, dass die unendliche mehr
Geschichte von den Tiefenbachern aus eigener Tasche gezahlt wird... eher das Land Hessen... also auch aus meiner Tasche!
So geht es mich durchaus etwas an...
Presse hat ja das Dörfchen inzwischen gemacht, also nicht mehr unbekannt.

Und noch einmal... ich und auch kein anderer haben mit einer Silbe auf jemanden eingedroschen.. beleidigt oder sonst etwas in dieser Art.
Ich lebe hier in einem freien Land und habe das Recht meine Meinung zu äußern... ob es beliebt oder nicht...
Oh ne, net schon wieder die Unbeteiligten! Mir wirds fast unheimlich, was für eine Energie die reinstecken, um auf die Tiefenbacher einzudreschen. Naja, net ernst nehmen, wie schon gesagt.
Seien wir mal ehrlich,das ist das wievielte Gutachten? In Tiefenbach kann man jetzt Chemie und Naturwissenschaften studieren,jeder im Dorf (IGT) ist schlauer als "die laboratorien Hessens."Und weil das so ist wird als mehr
geprüft und getan und gemacht.IG tiefenbach schafft Arbeitsplätze,schafft Arbeit schafft Geschichte. Dafür wurden Arbeitsplätze vernichtet und zerstört.

Todeszone Tiefenbach,alles ist verseucht aber keiner will weg,Woolrec ist weg aber jetzt will man Geld,und so langsam zeichnet sich ab worum es hier wirklich geht,nämlich um Bares, frei nach dem Motto: Die Gesundheit ist eh dahin, jetzt brauch ich die Kohle,wird die Hatz weiter geführt und ausgeweitet.

Armes Deutschland.
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