Zukunft der Berlinale ist offen

Filmfestspiele  Nachfolger von Dieter Kosslick gesucht / Regisseure fordern Neuanfang

Dieter Kosslick ist „Mr. Berlinale“. Der Vertrag des Schwaben läuft jedoch im Mai 2019 aus. Hinter den Kulissen begann bereits die Kandidatensuche. (Foto: Pedersen/dpa)

Kosslick, der Mann mit dem roten Schal, ist „Mr. Berlinale“. Seit 17 Jahren steht der Schwabe an der Spitze der Internationalen Filmfestspiele Berlin und hat ihnen als weltweit größtes Publikumsfestival einen guten Ruf verschafft. Aber ist es wirklich eine Liga mit den großen Konkurrenten in Cannes und Venedig?

Kosslicks Spürnase fürs Kino, seine Vernetzung in der Branche und sein Talent zur Komik haben ihn zur Seele des Festivals gemacht. Wenn er bei der Eröffnungsgala Hollywoodgrößen mit seinem Hausmacher-Englisch empfängt und sich im Pingpong mit Moderatorin Anke Engelke in den eigenen Scherzen verheddert, fühlen sich die Stars angekommen. This is Berlinale.

Doch jetzt droht das Lebenswerk des Festivaldirektors Schaden zu nehmen. Ende vergangenen Jahres forderten 79 namhafte Filmemacher, darunter die Oscar-Preisträger Caroline Link und Volker Schlöndorff, einen grundlegenden Neuanfang für das Festival. Und auch wenn alle Seiten sich längst wieder ihrer Liebe und Zuneigung versichern, dürfte die Personaldebatte die Stimmung bei den Festspielen deutlich trüben.

Was ist geschehen? Kosslicks Vertrag läuft im Mai 2019, also nach der nächsten Berlinale aus. Der 69-Jährige hat es versäumt, von sich aus einen Termin für einen ehrenvollen Abgang zu nennen. Die für die Nachfolge verantwortliche Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nahm 2017 Gespräche mit ihm auf, hinter den Kulissen begann die Kandidatensuche. Doch nach außen schien weiter wenig zu passieren. Es sah nach der klassischen Mischung von Nicht-Loslassen-Können und Hängepartie aus.

Im November kommt es zum Eklat. Die Filmemacher veröffentlichen ihren Brandbrief, den sie ein halbes Jahr zuvor Grütters schon intern zugesandt hatten. Sie fordern darin ein offenes und transparentes Verfahren zur Neubesetzung. Ziel müsse sein, „eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen“, heißt es da. Schon zuvor hatte es mehrfach Kritik an der Auswahl für den Bären-Wettbewerb gegeben. Das Festival sei überfrachtet und lasse eine klare Handschrift vermissen.

Kosslick empfindet den Brief als persönlichen Affront. Er ist „stinksauer“, wie er sagt, und kündigt an, in Zukunft gar nicht mehr für die Berlinale zur Verfügung zu stehen – auch nicht in einer geteilten Verantwortung, wie zunächst angedacht. Besonders mag ihn geschmerzt haben, dass zu den Unterzeichnern auch viele langjährige Berlinale-Freunde wie Fatih Akin („Aus dem Nichts“), Christian Petzold („Barbara“) und Maren Ade („Toni Erdmann“) gehören.

Es gibt Forderungen, das Festival zu entschlacken und ihm ein klareres Profil zu geben

Die Regisseure sind, etwas verwunderlich, von dem selbst ausgelösten Erdbeben überrascht. Es sei keineswegs um Kritik an Kosslick gegangen, versichern sie unisono. Man habe lediglich verhindern wollen, dass die Zukunft eines weltweit so wichtigen Festivals „im Hinterzimmer verhandelt werde“, wie es Regisseur Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) formuliert.

Lange war eine Doppelspitze im Gespräch, bei der nach dem Vorbild von Cannes die künstlerische und die geschäftsführende Verantwortung geteilt wird. Grütters erklärte aber kürzlich vielsagend, es könne auch Kandidaten geben, die lieber „alles in einer Hand behalten möchten“. Auch über Forderungen, das Festival zu entschlacken und ihm ein klareres Profil zu geben, dürfte dann wohl erst mit der/dem/den Neuen gesprochen werden. (dpa)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus red.web unzugeordnet