ich muss dringend meinen Berg an Zetteln ausmisten, der sich auf meinem Schreibtisch stapelt. Bei manchen weiß ich schon gar nicht mehr, was mit der jeweiligen Notiz gemeint ist. Hier steht: "Butter Kuchen 2 x". Muss wohl ein alter Einkaufszettel sein, vermutlich ist der Kuchen längst verspeist. Man könnte den Zettel längst wegwerfen, stünde da nicht noch eine Telefonnummer drauf, die sich leider irgendwie nicht zuordnen lässt.

Auf einem anderen Zettel steht "NBE 14.3. für f&f". Das ist wiederum eine einfache Angelegenheit, denn es bedeutet, dass ich unbedingt in "frank & frei" auf den Neubürgerempfang am 14. März eingehen sollte. Denn immerhin 3521 Menschen sind im vergangenen Jahr neu nach Wetzlar gezogen und wurden am vergangenen Samstag im Rahmen des traditionellen Neubürgerempfanges begrüßt. Na gut, im gleichen Zeitraum haben 3271 Leute unsere Stadt verlassen. Wir schrammen also immer noch haarscharf von oben an der 50 000-Einwohner-Grenze entlang. Und wie wichtig diese Grenze ist, weiß niemand so gut wie unser Oberbürgermeister. Denn erst ab 50 000 Einwohnern sind wir eine "Sonderstatusstadt" und haben, neben anderen kleinen Privilegien, auch das Recht auf einen "Oberbürgermeister" und, statt eines "Ersten Beigeordneten", auf einen "Bürgermeister". Das klingt doch auch gleich viel besser. Mal ganz ehrlich: Hätten wir uns seinerzeit vorstellen können, dass sich etwa ein Klaus Breidsprecher (CDU) hätte "beiordnen" lassen? Es war ja lange Zeit schon schwierig genug, in unserer CDU überhaupt so etwas wie "Ordnung" zu halten. Und was es für die Christdemokraten zu ihrer Regierungszeit bedeutet haben muss, dass bei uns der "Bürgermeister" traditionell auch "Sozialdezernent" ist, wollen wir uns gar nicht vorstellen.

Mein Nachbar dachte übrigens jahrelang, "Beige-ordneter" sei eine Bezeichnung für einen Organisator von Modenschauen für Senioren. Na gut, er glaubte auch, mit "Schneide-Rat" seien Anweisungen für das korrekte Zerlegen von Geflügel bei Tisch gemeint.

Moment, hier finde ich einen Zettel mit "Nachbar spinnt, S.Haus Dom". Was wollte ich damit sagen? Jetzt weiß ich es wieder: Ab und zu hat es mein Nachbar mit Verschwörungstheorien. So glaubt er heute noch felsenfest, das "Stadthaus am Dom" sei eine Rache für die schnelle Auflösung der Stadt Lahn im Jahre 1979 gewesen und nur errichtet worden, damit das neu erstarkende Wetzlar in seinem Kern nicht zu hübsch aussieht.

Auf dem nächsten Zettel steht: "Begr. Neue B. nicht verg." Das ist mir eine Herzensangelegenheit, denn mein Nachbar und ich heißen hiermit alle neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich willkommen in unserer schönen Stadt und es würde uns sehr freuen, wenn Sie sich aktiv und interessiert am Leben in unserer Stadt beteiligen und sich in Vereinen, aber gerne auch in den kommunalen Gremien engagieren.

Zwei Zettel habe ich noch, die ich mir für heute geschrieben hatte: "Unbedingt einmal den Namen Breidsprecher erwähnen". Das wäre erledigt. Auf dem anderen steht: "Nächste Woche was über Sozis machen". Mal sehen, was sich ergibt, die Woche ist lang und der nächste "Freibad-Artikel" kommt bestimmt.

Dies schreibt frank & frei

Ihr Frank Mignon


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