Vor einigen Jahren, ich war während des Advents in einem großen Kaufhaus unterwegs, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen, hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis: Die Regale waren voll mit herrlichen, weihnachtlichen Süßigkeiten und, um die Kunden in die richtige vorweihnachtliche Kauflaune zu versetzen, ertönte im Hintergrund vom Band das bekannte Weihnachtslied "Ihr Kinderlein kommet" aus der Feder des Komponisten und Priesters Christoph von Schmid. Ehrlich gesagt zählte dieses Lied bis dahin nicht zur Auswahl meiner Lieblingsweihnachtslieder, weil ich nur die ersten, auf mich etwas kitschig wirkenden, Strophen kannte und selbst gesungen hatte. Doch dort im Kaufhaus ließ man das ganze Lied abspielen und verkündigte damit, wahrscheinlich ungewollt, die Frohe Botschaft inmitten eines modernen "Konsumtempels", wo sonst nur Umsatz und Gewinn angestrebt werden. Jedenfalls heißt es in der fünften eher unbekannten Strophe des Liedes folgendermaßen: "O betet: Du liebes, du göttliches Kind, / was leidest du alles für unsere Sünd! / Ach hier in der Krippe schon Armut und Not, / am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod." (EG 43,5) Wie wunderbar bringt diese Strophe den christlichen Glauben auf den Punkt: Als kleinen und verletzlichen Säugling schenkt sich Gott selbst seiner Menschheit. Armut, Not und Kreuz, Sünde, Tod, das sind Worte, die heute nicht mehr populär und schon gar nicht umsatzfördernd sind, die aber trotzdem dazu gehören, will man den wahren und eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes verstehen. Im Advent geht es nicht in erster Linie um den Kauf von Geschenken und Süßigkeiten, es geht um den einen, in dem sich Gott anschaulich gemacht hat, es geht um Jesus Christus, in dem Gottes Liebe sichtbar zu uns kommt.

Michael Zlamal ist evangelischer Pfarrer in Driedorf

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