Ich weiß nicht mehr, wo mir der Satz zum ersten Mal begegnet ist. Ich weiß nur noch, dass er mir merkwürdig vorkam. Der Satz hieß: "Rede, damit ich dich sehe."

"Was für ein Quatsch", dachte ich, "ich sehe mit den Augen, nicht mit den Ohren." Aber dann hat er mich doch eine ganze Weile beschäftigt. Ich habe mich gefragt, was nehme ich an anderen Menschen mit meinen Augen wahr? Sind es nicht im Grunde nur die Äußerlichkeiten, das, was der andere zeigen will? Das, was den Menschen wirklich ausmacht, zeigen mir meine Augen nicht. Dazu muss ich mit ihm reden. Er muss sich für mich öffnen, von sich erzählen, mir Anteil geben an seinem Leben, was er denkt und fühlt. "Na ja", werden Sie sagen, "erzählen kann man auch viel, wenn der Tag lang ist. Das bedeutet noch nicht, dass es stimmt, was der andere sagt." Das ist richtig. Vertrauen gehört dazu und eine gewisse Risikobereitschaft auch. Warum erzähl ich Ihnen das? Weil es für mich etwas mit meinem Glauben zu tun hat. Zwischen meinem 17. und 20. Lebensjahr habe ich mich mit der Frage nach Gottes Existenz rumgeschlagen. Fast alles, was ich in der Welt wahrnahm, sprach für mich eher gegen Gottes Existenz: Kriege, Armut , Leid und Not - das passte nicht zu meiner Vorstellung von Gott. Dann sagte mir jemand: "Vielleicht stimmt Dein Bild nicht, vielleicht ist Gott anders." und schlug vor, ich solle in der Bibel lesen, da würde ich viel über das Wesen Gottes erfahren.

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Ich habe es getan und denke, ich bin Gott näher gekommen. Gott spricht zu uns, durch sein Wort. Vertrauen Sie nicht allein auf das, was Sie sehen. Geben Sie Gott eine Chance, hören Sie auf sein Wort: "Gott redet, damit wir ihn sehen."

(Wolfgang Freitag ist evangelischer Seelsorger an der Vitos-Klinik Herborn.)


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