Als Christus mit seinen Jüngern über den See Genezareth fahren will, werden sie von einem Sturm überrascht. Voller Angst wecken sie Jesus. "Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille. Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?" (Matthäus 8, 26-27)

Ein Gedankenspiel: Wie wäre es, wenn es den Jüngern ganz recht wäre, dass Jesus schläft? Wenn es ihnen gelänge, aus eigener Kraft aus dem Sturm herauszukommen? Würde sie das nicht als erfahrene Seeleute und Schiffsführer ausweisen, denen Ehrfurcht und Erstaunen zukommt?

Aber den Jüngern sind eindeutige Grenzen gesetzt. Jesus führt sie aus Sturm und Ängsten. Die Umkehrung weist aber auf eine geistliche Gefahr hin, die entsteht, wenn diese Dimension nicht mehr wahrgenommen wird. Gerade bei wichtigen menschlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Anstrengungen wie beispielsweise beim Thema "Klima / Klimaschutz" taucht diese Gefahr auf. Bedeutet das nicht auch so etwas wie eine doppelte Ermächtigung des Menschen - sowohl in negativer wie positiver Richtung? Es liegt heute im Rahmen menschlicher Möglichkeiten, das Klima zu beeinflussen oder es zu schützen. Der Mensch ist "Macher" des Geschehens und keinen Beschränkungen mehr unterworfen wie noch zu biblischen Zeiten. Und im Erfolgsfall kommen Ehrfurcht und Erstaunen den menschlichen Anstrengungen zu.

Es ist nicht unrealistisch, durchaus wichtige Bemühungen wie Ökologie und Klimaschutz auch als Ersatzreligionen unserer Zeit zu erkennen. Denn sie hinterfragen unsere Zeit nicht in ihrem großen Bemühen, alles als menschlich machbar auszuweisen. Nichts soll den Menschen in seiner "Autonomie" und Selbstbestimmung einschränken und ihm das Eingeständnis seiner Grenzen entlocken. Aus dieser "autonomen" Sicht ist es durchaus ärgerlich, wenn da noch einer mit im Boot ist, der gerade diese menschliche Ermächtigung radikal infrage stellt.

Gesellschaftliches und kirchliches Eintreten für Ziele im Bereich von Umwelt- und Klimaschutz (in kirchlicher Sprache "Bewahrung der Schöpfung") soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Aber sie als letzte Ziele einzuschätzen, hieße insgeheim, den, der noch im Boot ist, hinauswerfen zu wollen. Dann wäre auch die Kirche nur eine Versammlung von "Klimaschutz-Managern", "Gerechtigkeits-Genies" oder "Toleranz-Künstlern", aber nicht die Gemeinschaft der "begnadigten Sünder" (wie die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 bekennt), die wissen, dass es das allerwichtigste für uns Menschen ist, dass ER mit im Boot ist. Denn nur ER kann von den Mächten befreien, die dieses Boot in die Tiefe ziehen wollen.

Pfarrer Dr. Christian Pohl ist Seelsorger in den Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Wallau und Weifenbach


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