Der Coach geht: Hans Georg Schnücker verlässt die VRM

Bleibt der VRM als Herausgeber erhalten: Hans Georg Schnücker.Foto: Kopp

Zum 1. Juli übergibt Hans Georg Schnücker nach 16 Jahren die Position des Sprechers der VRM-Geschäftsführung an Joachim Liebler.

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. MAINZ. "Grau is im Leben alle Theorie - aber entscheidend is aufm Platz." Wer Hans Georg Schnücker verstehen will, muss sich auf den Fußball einlassen. Die Lebensweisheit stammt von Alfred Preißler, einem Spieler aus dem Ruhrgebiet; der Nordhesse Schnücker verwendet den Spruch, als passe dieses Motto genauso gut zu seiner Heimat. Wer sich bei Wegbegleitern, Kollegen, Partnern nach seinen Urtugenden erkundigt, erhält stets die gleichen Adjektive zur Antwort: bodenständig, vertrauenswürdig, verlässlich und durchsetzungsstark. Kein Gasseglänzer, wie sie in Hessen diejenigen nennen, die aus ihrem Auftritt ein Event machen. In der Medienbranche ebenso üblich wie im Fußball. Und ebenso irreführend.

Effizient also wirkungsvoll und nicht effektiv also auf Effekte aus - auf diese Weise hat der bald 64-Jährige das Medienunternehmen VRM in die Liga der zehn wichtigsten Konzerne der Branche geführt. Am 1. Juli übergibt er das Amt des Sprechers der Geschäftsführung an Joachim Liebler.

In mehr als eineinhalb Jahrzehnten hat sich unter der Führung Schnückers nicht nur die Firmenbezeichnung geändert. Gezwungenermaßen. "Hätten wir nicht all das gemacht, was wir umgesetzt haben, gäbe es die VRM heute nicht mehr", resümiert er. Sinnbildlich stehen neuer Name und neue Marke für die in einem erodierenden Markt erforderlichen kleinen Revolutionen. Verlagsgruppe Rhein Main hieß vor 16 Jahren das Unternehmen mit Sitz in Mainz-Marienborn. Zeitungen aus Papier prägten Image und Erlösmodell.

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Klare und straffe Strukturen

Allerdings hatte Karlheinz Röthemeier bis 2004 das Spielfeld für seinen Nachfolger schon neu abgesteckt. Radiobeteiligungen, Online-Auftritt, Zukäufe wie der Gießener Anzeiger deuteten das an. Röthemeier, der seine Erfahrungen in konjunkturabhängigen Branchen gesammelt hatte, ließ sich durch Rekordeinnahmen der Anzeigenabteilung zur Jahrtausendwende nicht täuschen. Der Verlag musste sich für schweres Wetter rüsten. Strenges Kostenmanagement, Controlling, klare und straffe Strukturen kennzeichneten Firma und Mannschaft, die er Schnücker übergab. Eineinhalb Jahre wirkten beide gemeinsam an der Unternehmensspitze.

Nein, das sei kein Vater-Sohn-Verhältnis gewesen, widerspricht der Senior: "Es war ein durch und durch harmonisches Miteinander auf Augenhöhe." An einen Konflikt oder gar eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit kann sich Röthemeier nicht erinnern.

Hans Georg Schnücker führt in der Bundeswehr den Rang eines Majors der Reserve. Zwölf Jahre "beim Bund" mit einem Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr und Führungsaufgaben in der Logistik und beim Nachschub haben ihn geprägt. Nach 17 Jahren bei der Rheinischen Post am Niederrhein ging er die neue Aufgabe in Mainz generalstabsmäßig an. Er wälzte Bücher über die Region, traf viele Menschen und fragte sie aus. Mit Ehefrau Monika und den vier Kindern nahm er Quartier in der Rhein-Main-Region.

Wer für eine Heimatzeitung arbeite, müsse tief verankert sein in der Gesellschaft, sagt er. Vom Großen Rat im Mainzer Carneval-Verein bis zum Kuratorium der Nibelungen-Festspiele in Worms reicht das Engagement, die Mitgliedschaften in Sportvereinen oder berufsständischen Organisationen ergeben bald ein Dutzend. Das habe Schule gemacht, viele seiner Führungskräfte fänden sich jetzt ebenfalls in ehrenamtlichen Tätigkeiten, sagt er stolz. Schockiert habe ihn damals das Image der Verlagsgruppe: "Ihr da oben auf dem Medienhügel wollt mit dem Rest der Gesellschaft nichts zu tun haben." Solche Aussprüche begegneten ihm häufig.

Die Distanz zum Kunden, zu den Menschen in der Region galt es abzubauen. Ebenso wichtig ist dem Unternehmensführer das Netzwerk der Entscheider in Hessen und Rheinland-Pfalz. "Bei wesentlichen Entwicklungen der Medienbranche kommt heute keiner mehr an uns vorbei", sagt Schnücker und denkt vor allem an die vielen dringend notwendigen Fortschritte in der Digitalisierung.

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Kontakten gehört auch in der Branche zu seinen Paradedisziplinen. Die Mitbewerber, so sein Credo, seien nicht mehr die Verlagshäuser auf der anderen Straßenseite, sondern die übermächtigen Digitalkonzerne aus den USA. Diese Oligo-, teils sogar Monopole müsse man bekämpfen.

Eine neue Druckerei, Fusionen und Zukäufe in Süd- und Mittelhessen, auch die Akquise zweier Digitalagenturen sind Wegmarken, die den Wachstumsprozess von der Verlagsgruppe zur VRM beschreiben. Content hat Zeitungsinhalte abgelöst; die Ausspielkanäle haben sich dramatisch vervielfacht. Videoproduktionen, Online-Storys, Social Media-Engagements, Animationen und Grafiken, die selbst auf dem kleinen Bildschirm eines Smartphones noch wirken müssen, dominieren die Überlegungen für die Zukunft.

"Frauen müssen bei uns Kinder bekommen können"

Entscheidend sei dabei, hier benutzt Schnücker mal ein englisches Wort, das human capital. Die Menschen, das Team, die Spieler, die er um sich versammelt hat, bilden das Vermögen der VRM. Immer häufiger die Spielerinnen. Keine Führungskräftetagung, bei der der Boss nicht darauf verweist, wie stark der Anteil an Kolleginnen gestiegen sei. "Frauen müssen bei uns Kinder bekommen können", spitzt er zu. Zur Wahrheit gehört: Auch er habe sich ändern müssen: "Als der erste Top-Nachwuchsmann ein halbjähriges Sabbatical beantragte, wollte ich ihm eine lebenslängliche Auszeit von der VRM vorschlagen." Begütigende Worte des Personalchefs - vermutlich auch die Erfahrungen mit vier Kindern - halfen beim Umdenken.

Folgerichtig sieht sich Schnücker als Coach. Nicht als Trainer. Der Coach gibt seinen Spielern die Mittel in die Hand, Aufgaben selbstständig zu lösen, der Trainer übt mit ihnen Abläufe und Prozesse.

Bei ihm dürfe jeder Fehler machen, "aber er muss die Verantwortung dafür übernehmen, und sollte den Fehler möglichst nur einmal machen". Vertrauen spielt bei dieser Philosophie eine tragende Rolle. Davon ist auch Schnückers Verhältnis zu den Gesellschaftern geprägt. Die Eigentümer der VRM, darunter viele, die aus der Region stammen und durch sie geprägt sind, überlassen der Geschäftsführung das Management. Dr. Stephan Kleebach, Vorsitzender des Beirats, einem Aufsichtsrat vergleichbar, lobt Schnückers Teamgeist und die Energie, mit der er die Führungsverantwortung übernommen habe. "Dabei kann er sehr gut Finger in Wunden legen." Im Fußball würde man sagen, er geht dahin, wo es weh tut. Auf dem Spielfeld verortet Kleebach seinen Spielführer im defensiv gestaltenden Mittelfeld, "in der Doppel-Sechs" vor der Abwehr. Schnücker sieht sich einen Tick offensiver. Sein Vorbild ist der Fußballweltmeister von 1974, Wolfgang Overath: "Der konnte einen genialen langen Ball schlagen, war sich aber nicht zu schade für die Kleinarbeit."

Bis zum 65. Geburtstag wird Hans Georg Schnücker der VRM erhalten bleiben. Er nimmt Geschäftsführeraufgaben in Tochtergesellschaften wahr und vertritt das Unternehmen bei Beteiligungen beispielsweise bei Radio FFH, dessen Gesellschafterausschuss er führt. Im Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleibt er Vizepräsident. Vor allem aber wolle er dafür eintreten, dass in- und außerhalb der VRM die gesellschaftspolitische Rolle der Medien gewürdigt werde. Als Herausgeber will er dafür sorgen, dass die redaktionelle Unabhängigkeit jenseits aller wirtschaftlichen Zwänge gewahrt bleibt und zentrale Themen transparent und nah am Publikum angesiedelt sind.

Und sonst? Seit Kurzem steht ein Expeditionsmobil für erste Übungsfahrten bereit. Mit Solarmodul, Wasseraufbereitungsanlage und digitaler Navigation ausgestattet will der Coach sein berufliches Spielfeld irgendwann verlassen und mit Co-Pilotin Monika die Transamerikana von Alaska bis Feuerland befahren. "Aber wenn es in einem Fußballclub der Region etwas Sinnvolles zu tun gibt und man mich ruft, dann bin ich da."

Von Stefan Schröder