Der Grinch lacht sich ins Fäustchen

Würden wohl nicht zusammen in den Urlaub fahren: der Weihnachtsmann (l.) und der Grinch. Foto: Winne - Fotolia

Der Grinch, der Weihnachten hasst und auch niemandem ein glückliches Fest gönnt, den gibt es wirklich. Um ihn zu entdecken brauchte die Volontärin gar keinen journalistischen...

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. Ich bin dem Grinch begegnet. Ich weiß jetzt, wie er aussieht, der Grinch, der Weihnachten hasst und auch niemanden sonst ein glückliches Fest gönnt. Er ist etwa 65 Jahre alt, 1,50 Meter groß, hat ein freundliches Gesicht und er trägt gern kunterbuntes Patchwork und eine Bommelmütze. Der Grinch ist eigentlich ziemlich nett. Und: ER ist eine SIE. Kennengelernt habe ich ihn vor wenigen Tagen an einem Samstagabend.

Ein Notfall? Ein Feuer im Haus?

Und das war so: Unablässig klingelt und klopft es an meiner Wohnungstür. Solange, bis ich entnervt aus der Wanne steige, mir ein Handtuch umwerfe und zur Tür stolpere. Eigentlich mache ich nicht auf, wenn ich keinen Besuch erwarte, erst recht nicht, wenn ich in der Wanne sitze. Aber die Vehemenz, wie der Besuch meine Wohnungstür malträtiert, macht mich nervös. Ein Notfall? Ein Feuer im Haus?

"Hallo? Wer ist denn da?", rufe ich und vernehme die Stimme einer älteren Dame. Öffne die Tür einen Spalt, bis das Sicherheitsschloss einrastet. Sie lächelt mich an. "Hallo junge Dame, ich wollte sie nur was fragen." Ich halte sie für eine Nachbarin, ich kenne ja noch nicht alle im Haus, wohne erst seit wenigen Wochen hier. Das Mietshaus teile ich mir mit alleinstehenden, meist älteren Damen. Der Vermieter hat da eine eindeutige Präferenz.

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Der Grinch drängt sich in den Flur

Vielleicht bin ich ihr sogar schon begegnet. Ich kann mir Gesichter so schlecht merken, und Namen auch, deswegen bin ich auch Journalistin geworden. Ich öffne die Tür, in ein Handtuch gehüllt, und hoffe, dass es schnell geht, es ist schließlich kalt. Der Grinch drängt sich in die Tür und stellt wegen meiner Aufmachung fest, dass ich wohl gerade nicht auf Besuch eingerichtet bin: "Ach, jetzt habe ich Sie aus dem Bad geholt. Aber, das macht ja nichts, es ist ja warm hier", spricht der dick eingepackte Grinch und drängt sich in meinen zugigen Flur.

Dort kommt er, in seiner Wortwahl nicht ganz unumständlich, gleich zur Sache. Die Wohnung habe er sich ja schon im Sommer angeschaut, aber nun sei die ja weg. Vergeben. An mich. Ob ich nicht zufällig vorhabe, bald wieder auszuziehen? Er kenne das ja von der Enkelin, die sei 22 Jahre alt und kurz nach Einzug in ihre Wohnung wieder ausgezogen - zu ihrem neuen Freund.

Vielleicht wollte er nur mal vorbei schauen

Nein, nein sage ich, das sei erst mal nicht angedacht. Da fährt der Grinch im Körper der älteren Dame fort: Die Wohnung sei ja so günstig, die könne er sich von der kleinen Witwenrente gerade noch leisten. Wenn Sie doch ausziehen, sagt er, dann rufen Sie mich unbedingt an. Er gibt mir seinen bürgerlichen Namen und eine Telefonnummer. Ich müsse ihn anrufen, wenn es soweit ist. Ich könne auch Abstand für meine Möbel haben.

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Ich besitze nichts, antworte ich. Und frage mich, wo der Hausstand der alten Dame wohl geblieben sein mag. Ihre Kinder seien jetzt sauer auf sie, weil sie die Wohnung nicht bekommt, setzt der Grinch nochmal nach. Ich frage nicht nach. Der Grinch kommt zurück auf die Enkelin. Ich erwähne schnell, dass ich noch auf Arbeit muss, das ist auch fast nicht gelogen. Der Grinch schwuppst durch die Tür, murmelt ein paarmal Entschuldigung für die Störung und verschwindet in der Nacht.

Nun bin ich mir nicht mehr sicher, welche Absichten der Grinch wohl hatte. Gibt es so wenig Wohnungen in Wiesbaden, dass eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung wichtig genug ist, wildfremde Leute an einem Samstagabend aus der Wanne zu klingeln? Oder, fällt mir plötzlich ein, wollte der Grinch nur mal schauen, was sich in meiner Wohnung befindet? Hätte ich besser nicht erwähnt, dass ich gleich arbeiten gehe? Wartet der Grinch nun draußen auf eine Gelegenheit, seelenruhig meine Wohnung auszuräumen?

Ungutes Gefühl in der Magengegend

Ich wähle seine Nummer. Der Grinch ist nicht zu Hause. Er ist ja auch erst vor zehn Minuten gegangen. Ich rufe im 5. Polizeirevier an. Ein netter Beamter hört sich geduldig meine Geschichte an. "Diese Betrugsmasche kenne ich noch nicht", erklärt er mir. "Im Normalfall schicken die Diebe aber keinen vor, erst recht keine ältere Dame. Sondern einer lenkt ab, der andere räumt aus. Alles in einem Aufwasch." Ich rufe wieder bei Ihnen an, wenn ich nachher heim komme, und meine Wohnung ist leer, drohe ich ihm noch.

Seither habe ich ein ungutes Gefühl in der Magengegend, lasse das Licht brennen, wenn ich meine Wohnung verlasse. Damit der Eindruck entsteht, ich sei daheim. Bei mir gibt’s zwar nichts zu holen. Nur Bücher, CDs und eine offene Packung Käse im Kühlschrank. Aber wer weiß, was für Vorlieben der Grinch so hat. Am Ende muss mein Schokoladenvorrat dran glauben. Seine Mission hat der Grinch zumindest erfüllt: Wenn ich über die Weihnachtsfeiertag verreise, werde ich stets auf glühenden Kohlen hocken und mich fragen, ob meine Wohnung leer ist, mein Schokoladenvorrat vernichtet ist, wenn ich zurück nach Hause komme.

Weihnachten hat er mir damit versaut! Der doofe Grinch lacht sich jetzt sicher ins Fäustchen.

Silvia Bielert