Die böse Frage nach dem Alter

Uhr. Symbolfoto: dpa

Er sei so alt, wie er sich fühlt, gibt es der Interviewpartner an. Die Volontärin ist genervt. Junge, rück' raus jetzt, kann sie sich gerade noch zügeln ihm entgegen zu...

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. In Interviews werden Gesprächspartner gelegentlich nach ihrem Alter gefragt. Dies kann insbesondere bei Porträts eine interessante Zusatzinformation sein. Die meisten sagen ohne Zögern, wann sie geboren sind. Diejenigen, die ihr Alter verbergen wollen, sind nicht, wie vielleicht angenommen, die Frauen. Vielmehr sind es die Männer, die ihr Alter teilweise hartnäckig verschweigen wollten. Um es weiter einzugrenzen: Herren über 50 aus dem künstlerischen Milieu. Zwei Beispiele aus meinem Volontärsalltag sollen es verdeutlichen.

"Das Gespräch ist hiermit beendet"

Ein Sänger - in den 80er Jahren war er sehr berühmt. Lange hat man nichts mehr von ihm gehört. Jetzt versucht er ein Comeback und gibt fleißig Interviews, um seine Tournee zu puschen. Ein sonnenstudiogebräunter Mann mit weit ausgeschnittenem, glitzerndem Hemd, Hut und Sonnenbrille sitzt mir gegenüber. Auf die Frage nach seinem Alter tritt blankes Entsetzen in seine Augen. Er lehnt sich zurück, schluckt, beugt sich wieder vor und sagt scherzhaft, aber dennoch mit deutlich beleidigtem Unterton: "Das Gespräch ist hiermit beendet". Schließlich blitzt es in seinen Augen, ich soll sein Alter schätzen. Böse Falle.

Zu Beginn meines Volontariats bekam ich den Rat, in solchen Fällen niemals korrekt zu schätzen, mindestens fünf Jahre abzuziehen. Ich sah ihn mir an und dachte "Mitte 50 - mindestens". Als ich ihn auf 50 Jahre schätzte, entglitten ihm die Mundwinkel. "Was, sehe ich so alt aus?" "Äh, nein, älter", denke ich, sage jedoch, dass ich sein Alter anhand seiner Biographie etwa errechnet hätte. Er gibt zu, ja, er sei 55.

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Stille am anderen Ende der Leitung

Ein anderer Fall: Telefoninterview mit einem Schauspieler. Seit 50 Jahren steht er auf der Bühne. Und wie alt ist er? Stille am anderen Ende der Leitung. Was für eine Frage!? Natürlich so alt, wie er sich fühlt, kommt nach langem Herumdrucksen heraus. Und wie alt fühlt er sich? Na, das variiere sehr stark, sei in Zahlen gar nicht auszudrücken. Was soll ich schreiben? "Künstler X (so alt, wie er sich fühlt) tritt in unserem Verbreitungsgebiet auf"? Wäre es nicht schmeichelhaft für ihn gewesen, wenn die Leser gewusst hätten, in welch stolzem Alter er auf der Bühne stundenlang auswendig gelernte Monologe halten kann?

Ich muss feststellen, dass die Damen, was das Alter angeht, ihren Mann stehen, während einzelne Herren sind winden. Ist es nicht peinlich, ewig ein Jungspund sein zu wollen? Liebe Künstler, steht doch zu Euren Lebensjahren und der Erfahrung, die Euch keiner mehr nehmen kann. Dann ist die böse Frage im Interview auch gar nicht mehr so schlimm.

Ute Schorradt